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Damen-WM: Sich für die Reise nach Terrassa qualifizieren

30.06.2022

Von konkreten Platzierungs- oder gar Medaillenzielen möchte die deutsche Damen-Nationalmannschaft und ihr Staff nicht sprechen, wenn für sie am Samstag mit dem Gruppenspiel gegen Chile in Amsterdam die 15. Feldhockey-Weltmeisterschaft beginnt. Trotzdem will man alles dafür tun, dieses erste zweigeteilte Turnier der WM-Geschichte mit einer Reise nach Spanien beenden zu dürfen. Denn am 16./17. Juli sind in Terrassa nur noch die besten vier von 16 teilnehmenden Mannschaften am Start, um in einem Art Final-Four mit Halbfinale am Samstag und zwei Medaillenspielen am Sonntag den Weltmeister 2022 zu küren.

Um sich die Spanien-Reise ins Hockeyolympiastadion von 1992 (wo die deutschen Damen damals bis ins Olympia-Endspiel vordrangen, dort dann den Gastgeberinnen nach Verlängerung unterlagen) zu verdienen, muss die Mannschaft von Bundestrainer Valentin Altenburg im nicht minder berühmten Wagener-Stadion von Amsterdam mindestens vier, wahrscheinlich fünf Aufgaben bewältigen. Da sind die Gruppenspiele gegen WM-Neuling Chile (Samstag), Gastgeber/WM-Titelverteidiger Niederlande (Sonntag) und Vizeweltmeister Irland (Mittwoch). Der WM-Modus ist bis auf Nuancen der gleiche wie bei dem erstmals vor vier Jahren angewandten Turniersystem. Es sieht vor, dass die Gewinner der vier Vierergruppen direkt ins Viertelfinale einziehen, dass die Gruppenzweiten und -dritten in die Crossover-Runde müssen und dass für die Gruppenletzten der WM-Traum schon nach drei Spielen beendet ist. Mussten die Vorrundenletzten vor vier Jahren direkt die Koffer packen, dürfen sie diesmal wenigstens noch eine Platzierungsrunde um die Plätze 9 bis 16 bestreiten, gleiches gilt für die Verlierer des Crossover.
Vor vier Jahren bei der Premiere des neuen WM-Modus war es der damaligen deutschen Mannschaft gelungen, dieses gefühlte Achtelfinale zu umgehen, indem man nach Siegen über Südafrika (3:1), Argentinien (3:2) und Spanien (3:1) makellos Gruppensieger wurde und damit direkt im Viertelfinale stand. Das schnelle und bittere Aus kam dann in dieser ersten K.o.-Runde, als man wieder auf Spanien traf, dort 0:1 unterlag und das Turnier dann als Gesamtfünfter (aufgrund der optimalen Vorrundenergebnisse) verlassen musste. Von den 18 Spielerinnen des London-WM-Kaders sind elf auch für die 2022-WM nominiert worden (siehe Kader Seite 12). Gar 15 Damen des aktuellen Aufgebots haben eine weitere Viertelfinal-Enttäuschung beim olympischen Hockeyturnier 2021 in Tokio erlebt, als Deutschland nach erneut sehr brauchbarer Gruppenphase gleich im ersten „do or die“-Spiel nach schwachem Auftritt die Segel streichen musste (0:3 gegen Argentinien).

Für die WM ist zu erwarten, dass auf die DHB-Damen ein zusätzliches K.o.-Spiel hinzukommt. Denn es wäre eine gehörige Überraschung, wenn Deutschland in der Gruppe A dem Weltranglistenersten und Olympiasieger Niederlande den ersten Platz wegschnappen könnte. Warum soll ausgerechnet im „Wohnzimmer“ des Oranje-Hockeys das gelingen, was die letzten 35 Spiele und zwölf Jahre nicht stattgefunden hat – ein Sieg über die Niederlande. Es ist für die deutsche Mannschaft im Übrigen eminent wichtig, zumindest Tabellenzweiter hinter dem Topfavoriten zu werden, also Irland und Chile hinter sich zu lassen. Denn als Dritter würde Deutschland nach einem zwingend notwendigen Erfolg im Crossover über den Zweiten der Gruppe D (also Australien, Belgien, Japan oder Südafrika) im Viertelfinale wieder auf die Niederlande treffen. Das vermeintlich schwerste Los. Leichter erscheint auf alle Fälle der Weg als Gruppenzweiter. Dann hieße ein möglicher Viertelfinalgegner England, Neuseeland, China oder Indien als Sieger der Gruppe B. Und das liest sich der Papierform nach schon machbarer. Und damit würde der Traum von der Qualifikation für das Halbfinale in Terrassa realistischer.

Das deutsche WM-Team, hier vor dem Pro-League-Spiel am Sonntag in Hertogenbosch. Von links: Benedetta Wenzel, Linnea Weidemann, Hanna Granitzki, Viktoria Huse, Pia Maertens, Cécile Pieper, Pauline Heinz, Sonja Zimmermann, Charlotte Stapenhorst, Lena Micheel, Elisa Gräve, Anne Schröder, Selin Oruz, Amelie Wortmann, Kira Horn, Nathalie Kubalski, Julia Sonntag und (leider etwas abgeschnitten) Kapitänin Nike Lorenz. Foto: Worldsportpics  

Auch wenn der erst zu Jahresbeginn 2022 sein Bundestraineramt angetretene Valentin Altenburg am Ende personell kaum Änderungen gegenüber den Kaderbesetzungen der jüngsten Großevents (WM 2018/Olympia 2021) vorgenommen hat – die beiden Berlinerinnen Benedetta Wenzel (nahezu als Quereinsteigerin zu bezeichnen) und Linnea Weidemann (die mit 18 Jahren Teamjüngste gab erst im März ihr Debüt im A-Kader) ausgenommen -, so täuscht der Eindruck von außen nicht, dass die Mannschaft ein anderes Gesicht zeigt, sich intern auch verändert hat. Am deutlichsten wird das an Nike Lorenz. Begonnen hatte sie ihre Nationalmannschaftskarriere als Innenverteidigerin mit grandiosem Auftritt in Rio 2016, danach folgte der (erst gelegentliche, dann feste) Wechsel ins Mittelfeld. Nun wurde das Multitalent vom Trainerteam in die Sturmspitze vorgeschoben. Ähnliche Verlagerungen sind bei Hanna Granitzki (in Tokio noch Verteidigerin, jetzt in der Sturmreihe) oder Cécile Pieper (genau andersherum als bei Granitzki) zu beobachten. Dem Trainer ist es wichtig, „dass die verschiedenen Spielertypen gut zusammenpassen, aber auch verschiedene Aufgaben, vor die wir in den kommenden Spielen gestellt werden, gemeinschaftlich gelöst werden können“.  

Den drei Vorrundenspielen sieht Valentin Altenburg mit freudiger Erwartung entgegen: “Die Gruppe finde ich sehr gut für uns. Sie ruft alles ab, was es im Welthockey so gibt. Neben den offensiven Niederländerinnen haben wir mit dem Vizeweltmeister Irland ein sehr defensiv orientiertes und griffiges Team als Gegner. Die Chileninnen werden bestimmt auch mit einem großen Spirit spielen. Das ist ihre erste Weltmeisterschaft und dementsprechend werden sie mit großer Vorfreude und viel Emotion auf den Platz kommen“, sagt der Bundestrainer über die drei Gegner und findet: „Diese Gruppenkonstellation tut uns gut.“ Denn die verschiedenen Aufgaben und unterschiedlichen Schwerpunkte, die dort auf das deutsche Team zukommen, um das eigene Spiel durchsetzen zu können, seien „gute Voraussetzungen für das, was danach kommt“.

Danach, damit meint Altenburg den Eintritt in die K.o.-Phase. Dort seien die deutschen Damen zuletzt „viel an sich selbst gescheitert“. Hier für Veränderungen zu sorgen, dürfte ein Hauptjob des neuen Staffs werden. „Es ist bisher nicht gelungen, wenn es darauf ankommt, die Leistung abzurufen, die möglich ist. Darauf werden wir uns voll konzentrieren“, sagt der Bundestrainer. Die beiden Kapitäninnen bestätigen: „Wir wissen, dass wir in K.o.-Spielen häufig nicht unsere beste Performance abgerufen haben“, so Nike Lorenz, und Sonja Zimmermann ergänzt: „Wir müssen einfach versuchen, da unsere beste Leistung abzurufen.“ Das Ziel ist, möglichst befreit von allem hemmenden Druck das auf den Platz zu bringen, was in jedem einzelnen und als Team drinsteckt. „Und dann“, so Altenburg, „schauen wir mal, was am Ende auf der Anzeigetafel steht und wo wir im Turnierklassement landen“. Am liebsten natürlich in Terrassa und am Ende sogar auf einem WM-Podiumsplatz. Den hatte eine deutsche Damenmannschaft zuletzt vor fast einem Vierteljahrhundert (1998 mit Platz drei in Utrecht).

Vielleicht trifft das zu, was Olympiasieger und DAZN-Kommentator Christian „Büdi“ Blunck bei seinem Spielkommentar zur WM-Generalprobe gegen China sagte: „Wenn die deutsche Mannschaft in der Lage ist, konstant 80 bis 90 Prozent ihres Leistungsvermögens abzurufen, kann sie gegen jeden Gegner der Welt mithalten.“ Wer nicht vorort in Amsterdam und Terrassa ist, kann das komplette WM-Geschehen über den Streamingdienst DAZN im Internet verfolgen.  lim

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