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Lisa Nolte: Für die 2001er ein Traum, die Jugendzeit mit einem Titel zu beenden

Sie durfte den Pokal als Erste in den Händen halten. Als Kapitänin der deutschen U21-Nationalmannschaft bekam Lisa Nolte die Siegertrophäe bei der Juniorinnen-Europameisterschaft 2022 überreicht. Gut zehn Tage danach hat sich DHZ-Redaktionsleiter Uli Meyer mit Lisa Nolte (21) über den EM-Triumph von Gent, das zurückliegende Jahr des deutschen U21-Nachwuchses und die Pläne für die Zukunft unterhalten.

Lisa, ich erreiche Sie im Urlaub. Für Sie eine kurze Atempause, um zwischen EM-Sieg mit der U21-Nationalmannschaft und Start der Saisonvorbereitung im Verein auf andere Gedanken zu kommen?  

Lisa Nolte: Ja auf jeden Fall. Wahrscheinlich haben die meisten Bundesligisten in der ersten Augustwoche ihr Vorbereitungsprogramm begonnen, auch wir im DHC. Aber in enger Abstimmung mit unseren Trainern haben wir U21-EM-Spielerinnen noch Urlaub einlegen können. Ich denke, das haben wir auch nötig und verdient. Nach dem großen U21-Programm mit WM und EM innerhalb weniger Monate braucht man einfach mal ein paar Tage, um die Erlebnisse zu verarbeiten und den Kopf für neue Ziele wieder freizubekommen.

Ich nehme an, dass es vor allem für die zehn Vizeweltmeisterinnen eine riesige Erlösung war, dass nicht noch ein großes Finalspiel verloren wurde, sondern dass man es bei der EM dann besser machen konnte.

Bei der Weltmeisterschaft war es für jede von uns das erste internationale Finale. Wir sind damals doch recht nervös gewesen, haben vielleicht auch deshalb im Endspiel nicht unsere beste Leistung abrufen können. Ich denke, dass wir aus diesem verlorenen Finale der WM viel haben mitnehmen und lernen können. Das hat man jetzt bei der EM gemerkt, als wir im Finale gut gespielt und vor allem dann im Shoot-out die Nerven bewahrt haben. Die erste Halbzeit im Endspiel war unsere beste im gesamten Turnier. Wir haben Belgien fast an die Wand gespielt und hatten Möglichkeiten, nach dem frühen 1:0 ein zweites Tor zu schießen. Einige Ecken und andere Chancen waren da. Es war ein bisschen ärgerlich, dass wir keine deutlichere Führung herausgeholt haben und sogar vor der Halbzeit noch den Ausgleich bei der ersten gegnerischen Chance kassieren mussten.

Und in der zweiten Hälfte kam Belgien dann auch spielerisch besser auf.

Ja, offensichtlich hat ihnen die Pause gutgetan. Sie konnten sich besser aufstellen. Damit haben sie es geschafft, in der zweiten Halbzeit gut ins Spiel zurückzukommen, während wir durch die Pause ein bisschen aus unserem Rhythmus gekommen sind. Es war dann eine viel knappere, ausgeglichenere zweite Hälfte. Und gegen Ende hat man beiden Mannschaften angemerkt, dass sie bloß kein Gegentor mehr einfangen wollten und sich nicht mehr viel zugetraut haben. Im Shoot-out war es dann überragend, wie Chiara die Schüsse gehalten hat und wir unsere Penalties verwandeln konnten. Natürlich hatten wir da vom Vortag viel mitnehmen können, als wir im Halbfinale gegen die Niederlande diese Situation schon einmal meistern mussten.

Letztlich hat es zum EM-Titel auch ohne drei der stärksten deutschen U21-Spielerinnen gereicht. Hat die Mannschaft eigentlich voll akzeptiert, dass Pauline Heinz (Jahrgang 2001), Jette Fleschütz (2002) und Linnea Weidemann (2003) nicht dabei waren?

Aus persönlicher Sicht hätte ich, sowie auch der Rest der Mannschaft, die drei natürlich lieber dabei gehabt. Aber man muss auch die Belastungssteuerung sehen, es wäre für die Drei nach der Damen-WM einfach ein zu krasses Programm gewesen. Sportlich gesehen war es also genau die richtige Entscheidung. Und doch hätte ich sie super gerne im Team gehabt, weil man schon so lange zusammenspielt, wir uns super verstehen und sie bei der U21-WM eine große Rolle auf unserem Erfolgsweg eingenommen hatten. Von daher tat es weh, auf sie verzichten zu müssen. Aber ich denke, wir haben das als Mannschaft sehr gut hinbekommen, ihr Fehlen zu kompensieren. Und letztlich hat sich für andere die Chance aufgetan, dabei zu sein und ihren Teil beizutragen.

Jetzt ist Deutschlands weiblicher Hockeynachwuchs Vizeweltmeister und Europameister – was macht uns so stark?

Erstmal ist da eine Menge Stolz, dass wir so etwas erreicht haben. Ich denke wir sind starke Jahrgänge mit talentierten Spielerinnen, die schon in jungen Jahren erlebt haben, Drucksituationen zu meistern. Wir sind offensichtlich mit sehr guter Jugendarbeit groß geworden. Spannend ist zum Beispiel der Vergleich mit Holland. Bei der WM verlieren wir im Finale gegen sie, bei der EM können wir sie nach Shoot-out bezwingen. Das ist ein ganz interessanter Schritt, weil wir merken, dass wir voll auf Augenhöhe mit ihnen sind und uns auf sehr hohem Niveau mit ihnen messen können. Ich denke, sowohl die Jugend als auch die Damen haben in Zukunft super Chancen.

Was genau macht Ihre Generation so stark? In welchen Bereichen ist man führend oder hat zumindest keine Rückstände mehr?

Jede Spielerin von uns ist sehr diszipliniert, trainiert und investiert individuell sehr viel. Dazu kommt die Mannschaftsleistung sowohl auf als auch neben dem Platz. Da ist zuletzt eine sehr harmonische Truppe unterwegs gewesen. Ich finde, dass so etwas für sportlichen Erfolg immer extrem wichtig ist. Auch eine offene, ehrliche und konstruktive Kommunikation untereinander macht viel aus. Wir sind mittlerweile ein richtig dynamisch athletisch starkes Team sowohl in der U21 als auch bei den Damen. Daran wurde stark gearbeitet in den letzten Jahren.

Lisa Nolte am 30. Juli im belgischen Gent mit Goldmedaille um den Hals und dem EM-Siegerpokal in der Hand, zusammen mit ihren Eltern  und Bruder Tim (wurde am diesem Tag 16). Einen besseren Abschluss ihrer 2016 begonnenen internationalen Nachwuchslaufbahn mit 84 Jugend-Länderspielen und 24 Toren hätte sich die Spielerin des Düsseldorfer HC nicht vorstellen können. Foto: Schumacker

Hat die Absage der U21-WM Ende November und der Kampf um eine Neuansetzung die Mannschaft noch enger zusammenrücken lassen?

Da sind damals sehr viele Tränen geflossen. Der Moment, als wir praktisch auf gepackten Koffern saßen und das Turnier erstmal abgesagt wurde, der geht einem wahrscheinlich nie mehr aus dem Kopf. Umso erfreulicher, dass es dann doch noch geklappt hat und das Turnier nachgeholt wurde. Unsere WM-Vorbereitung war ja Ende November abgeschlossen, insofern sind wir dann auch sehr schnell wieder reingekommen und konnten den Neustart der Vorbereitung mit der Indien-Reise im März verbinden. Und dadurch, dass ein Großteil des WM-Kaders altersmäßig noch spielberechtigt war, konnten wir extrem viel mitnehmen für die EM. Wir waren eingespielt. Wir haben wirklich sehr viel Zeit miteinander verbracht in den letzten zehn, elf Monaten.

DHB-Sportdirektor Christoph Menke-Salz hat noch dem gewonnenen EM-Finale von „starken Powerfrauen für unsere Paris-Kampagne“ gesprochen. Hat er damit den Konkurrenzkampf auf die Plätze im deutschen Olympiakader 2024 ausgerufen?

Erstmal freue ich mich über dieses großartige Kompliment von Chrissi. Natürlich sind alle sehr ambitioniert, das große Ziel ist für jede Spielerin, nach ganz oben zu kommen. Jeder investiert alles, um bei den Danas seinen Platz zu bekommen. Es ist sicherlich ein Konkurrenzkampf, aber ein sehr fairer.

Sie selbst haben zum erweiterten WM-Aufgebot der Damen gehört. War es im Nachhinein gut, den Sprung nicht geschafft zu haben? Sonst wäre wahrscheinlich das EM-Titelerlebnis mit der U21 für Sie weg gewesen.

Genauso ist es. Es gab bei der Geschichte ein weinendes und ein lachendes Auge. Die Enttäuschung bei mir war im ersten Moment natürlich groß. Aber ich konnte schnell den Blick nach vorne richten und mich auf das U21-Event freuen, was ja für mich aus Altersgründen auch mein letztes war. Im Nachhinein gesehen hätte ich mir ein schöneres Ende nicht vorstellen können. Dass wir 2001er unsere Jugendzeit als Vizeweltmeister und tatsächlich mit dem Europameistertitel beenden konnten, ist einfach ein Traum.

Eine Art real gewordener Traum war für Sie ja auch das letzte Jahr im Verein mit drei gewonnenen DM-Titeln seit Mai 2021. Hilft so etwas auch, mit ordentlich Selbstbewusstsein im Nationaltrikot antreten zu können?

Man wächst mit seinen Aufgaben und den damit verbundenen Erfahrungen, mit jedem Spiel, vor allem wenn es K.o.-Spiele sind. Von denen hatten wir ja im Verein einige. Und wenn sie dann auch noch so positiv ausfallen, nimmt man gerne was für sich mit. Diese Erfahrungen übertragen sich automatisch auch ins Nationalteam. Wir sind stolz, unseren Verein mit vier DHC-Spielerinnen im EM-Siegerteam zu vertreten. Beim Shoot-out war es auf unserer Schützenseite schon sehr DHC-lastig.

Sie haben bei der EM in der Innenverteidigung gespielt, davor bei der WM und im Verein kennt man Sie als Mittelfeldspielerin. Wie kam es zu der Positionsveränderung?

Ich denke, ich bin sehr variabel einsetzbar und spiele gerne da, wo ich der Mannschaft am meisten helfen kann. Früher habe ich auch ab und zu Innenverteidigung gespielt, auch wenn das tatsächlich schon viele Jahre her ist. Nachdem Stine Kurz und Emily Günther aus Altersgründen und Linnea Weidemann aufgrund ihres Einsatzes bei der Damen-WM nicht für die EM zur Verfügung standen und damit die Stammbesetzung auf dieser doch sehr wichtigen und verantwortungsvollen Position fehlte, haben wir das dann ausprobiert. Ich habe mich mit Akim eng abgesprochen. Letztlich waren wir beide sehr zufrieden, wie es anlief und haben dies als plausible Option für die EM betrachtet.

Es hat ja dann auch gut funktioniert.

Ja, stimmt. Ich hätte gerne noch etwas mehr Zeit gehabt, mich auf dieser Position einspielen zu können. Aber am Ende hat es tatsächlich ziemlich perfekt gepasst.

Wie groß ist die Vorfreude auf die neue Bundesligasaison, zu der beim Düsseldorfer HC mit der argentinischen Vizeweltmeisterin Agustina Albertario ein echter Kracher dazustößt?

Ich freue mich sehr auf die Saison und auf meine Mannschaft. Eine Argentinierin hatten wir noch nie im Verein. Das wird noch einmal eine Verstärkung, obwohl wir ja zuletzt personell auch schon super aufgestellt waren. Ich bin gespannt und freue mich, mal mit solch einer Spielerin in einem Team spielen zu können. Ich kenne sie ja bislang nur als Gegnerin. Da sie eine sehr erfahrene Spielerin ist, kann man sicherlich auch einiges lernen.

Vielen Dank für das Gespräch!