05.08.2024 - Wie schon in Tokio 2021 war für die deutschen Damen der Viertelfinalgegner Argentinien Endstation aller olympischen Medaillenträume. Doch anders als vor drei Jahren bot man den Südamerikanerinnen diesmal einen Kampf auf Augenhöhe, der sehr unglücklich nach Shoot-out verloren ging. Dabei war Deutschland gut drei Minuten vor Ende in Führung gegangen, konnte das 1:0 aber nicht über die Zeit bringen.
Die Nervosität bei den deutschen Damen war anfangs förmlich greifbar. Ob mehr die schwache Leistung gegen Belgien noch nicht ganz abgestreift war oder eben die Bedeutung des Viertelfinals auf den Schultern lastete, sei dahingestellt. Es gab vor den Augen des DOSB-Präsidenten Thomas Weikert und knapp 10 000 weiteren Stadionbesuchern in den ersten Minuten reihenweise einfach verlorene Bälle. Argentinien baute gleich einen ziemlichen Druck auf, der nach sieben Minuten zur ersten brenzligen Situation im deutschen Kreis führte. Kubalski rettete gut gegen den Rückhandschuss von Casas. Nach neun Minuten die erste Ecke, die die deutsche Torhüterin nach Ablegervariante ebenfalls entschärfen konnte. Auch bei der zweiten Ecke (12.) spielte Argentinien eine Variante, diesmal über die rechte Seite. Beim ziemlich freien Abschluss von Gorzelany war zum Glück das Bein von Lorenz im Weg. Der abprallende Ball bot Argentinien noch eine Nachschussgelegenheit, die mit Glück vereitelt wurde. Die Südamerikanerinnen wollten nach der Szene über den Videobeweis die nächste Ecke erstreiten, blitzten damit aber sowohl bei Feldschiedsrichterin Delforge als auch Videoumpire Wilson ab, die den Vorteil als ausreichend erachteten. Bittere Konsequenz für Argentinien: Ihr Recht auf den Videobeweis war damit erloschen.
Die Offensivszenen im ersten Viertel für Deutschland, das trotz aller Ungenauigkeit im Spiel nach vorn zumindest sehr erfolgreich verteidigte, ließen sich an drei Fingern abzählen. Bei einem Rückhandschuss von Wiedermann lag kaum ein Hauch von Torgefahr in der Luft (12.), anders als beim Konterlauf, bei dem Nolte ihre Kollegin Fleschütz steil in die Gasse schickte. Den wuchtigen, aber zu zentralen Vorhandknaller der Hamburgerin parierte Torhüterin Cosentino (15.).
Das war aus deutscher Sicht ein guter Vorgeschmack auf das zweite Viertel, denn da kam Deutschland viel besser zur Geltung. Auch wenn sich immer mal wieder ein unnötig verlorener Ball einstreute, so war inzwischen deutlich mehr Sicherheit im deutschen Spiel. Ein Stapenhorst-Rückhandversuch ging noch weit am Ziel vorbei (17.). Und ausgerechnet in Unterzahl, als Oruz eine Schlampigkeit von Schröder ausbügeln musste und dafür grün kassierte (20.), kam Deutschland zu seinen ersten zwei Ecken. Lorenz hatte sich geschickt gelöst und damit einen Überzahlangriff eingeleitet, der fast sogar zum Feldtor geführt hätte, aber wenigstens die erste und danach die zweite Ecke einbrachte. Beide Versuche wurden geblockt, doch nach dem zweiten Zimmermann-Abschluss bekam Micheel die Riesennachschussgelegenheit, bei der sie aus drei Metern an Cosentino scheiterte (22.). Auch Wortmann kam später noch aussichtsreich im Kreis an den Ball, aber wurde beim Abschluss geblockt (29.).

Selin Oruz im Viertelfinale gegen Argentinien (rechts Maria Campoy). Ein starker Kampf wurde nicht mit dem Weiterkommen belohnt. Foto: Kaste
Torlos ging es in die Halbzeit. Nach dem Seitenwechsel das gleiche Bild. Bei deutschem Ballbesitz zog sich Argentinien meist sogar mit allen elf Spielerinnen an und hinter die eigene Viertellinie zurück. War es Respekt vor den spielerischen Möglichketen der Deutschen oder einfach Kalkül, dass man den Gegner vorlocken wollte und dann bei Ballgewinnen mit viel Platz kontern zu können? Womöglich eine Mischung aus beidem. Deutschland hatte viel Ballbesitz, konnte dadurch aber nur selten wirkliche Gefahr Richtung gegnerischem Kreis entfachen. Das Zimmermann-Solo (32.) war eine der wenigen Ausnahmen. Auf der anderen Seite verhinderten vor allem die zweikampfstarken Oruz und Weidemann, dass aus argentinischen Kontern wirkliche Brandherde wurden.
Nach 37 Minuten wurde Horn mit gelb vom Platz geschickt, nachdem sie trotz Freischlagpfiff für Argentinien noch „ewig“ weiterspielte. Trainer Altenburgs Beschwerde bei der belgischen Schiedsrichterin Delforge ob der harten Strafe war verständlich, andererseits der Regelverstoß von Horn auch wirklich plump. In Unterzahl kassierte Deutschland eine Eckenserie, die auch deshalb nicht zur Gefahr wurde, weil Argentinien bei zwei der drei Versuche extreme Probleme mit der Ballhereingabe hatte (40.). Das dritte Viertel endete mit zwei Ecken für Deutschland, bei denen die Zimmermann-Schlenzer beide vom Gegner abgelaufen werden konnten (44.).
Ab ging’s in die Crunchtime. Beide Teams kämpften längst auf Augenhöhe um jeden Ball, für ein „schönes“ oder gar „leichtes“ Spiel“ lag einfach zu viel Bedeutung in der Luft. Jeder gröbere Fehler könnte „tödlich“ enden. Nach keiner wirklich gefährlichen Kreisszene auf beiden Seiten eroberte dreieinhalb Minuten vor Ablauf der 60 Minuten Zimmermann am eigenen Kreis den Ball und leitete ihn zu Lorenz weiter. Die Kapitänin machte ein paar Meter und sah dann vorne Fleschütz gegen eine weit aufgerückte argentinische Abwehr durchstarten. Ein langer Lorenz-Heber aus vollem Lauf war genau das richtige Mittel, um die letzte Linie des Gegners zu überspielen. Fleschütz nahm den Ball auf steuerte in höchstem Tempo in den Kreis, wo sie von der herausstürzenden Torhüterin zu Fall gebracht wurde – Siebenmeter.
Nicht Hauptschützin Lorenz trat an den Punkt, sondern Viktoria Huse. Aber die machte ihre Sache prächtig und schlenzte ohne Anlaufschritt halbhoch ins rechte Seitennetz des Gehäuses. Dreieinhalb Minuten vor Schluss führte Deutschland mit 1:0.
Natürlich nahm Argentinien kurz danach die Torhüterin vom Feld. Und in der künstlichen Überzahl dauerte es keine 90 Sekunden, bis man seine sechste Ecke gezogen hatte. Ausgerechnet Albertarrio, die sonst von der bärenstarken Weidemann immer wieder gestoppt wurde, schaffte es über die linke Grundlinie nochmal in den Kreis. Und beim sechsten Versuch klappte dann alles wie gewünscht. Die eingelaufene Julieta Jankunas stach die flache Vorlage unhaltbar für Kubalski ins Netz (59.).
Deutschland kam danach tatsächlich noch einmal zum Abschluss, als Fleschütz nach Kurz-Schlenzanspiel plötzlich viel Platz hatte, aber der Schusswinkel war am Ende zu spitz, um die nach dem 1:1 in den Kasten zurückgekehrte Cosentino zu überwinden.
Nach aus deutscher Sicht 14:14 Schüssen, 4:6 Ecken, 13:25 Kreiseintritten und einem insgesamt leistungsgerechten 1:1-Unentschieden musste das Shoot-out den Halbfinalteilnehmer ermitteln. Deutschland begann und ließ seine an diesem Tag beste Feldspielerin als erstes ran: Linnea Weidemann setzte nach dem gewohnten Eindrehen den Ball rechts am Kasten vorbei. Wie groß der Druck auf allen Ausführenden lastete, sah man bei Argentiniens erster Schützin Casas, die schon auf den ersten Metern Richtung Kreis den Ball an die runde Schlägerseite bekam – vorbei. Viktoria Huse eröffnete Runde zwei, ihrem Zieher nach rechts mit abschließendem Schlenzer aus dem Lauf fehlte der Überraschungsmoment, Cosentino konnte parieren. Mit der vierten Schützin war dann erstmals eine Torhüterin geschlagen. Julieta Jankunas verwandelte mit der argentinischen Rückhand gegen die erfolglos abtauchende Kubalski – 0:1.
Als dritte deutsche Schützin setzte Anne Schröder den Ball im zweiten Nachschuss zwar ins Netz, doch geschah dies alles noch innerhalb der acht Sekunden? Der Videobeweis ergab: nein! Als danach Zoe Diaz ihren Ball sehr sicher mit der Rückhand zum 0:2 in den Kasten knallte, lastete der Druck auf Sonja Zimmermann, die Entscheidung zumindest hinauszuzögern. Es misslang ziemlich deutlich. Argentinien war durch und die deutschen Spielerinnen verständlicherweise völlig am Boden.

Linnea Weidemann beim Shoot-out. Ihr Ball geht zwar an Torhüterin Cosentino, aber auch am Kasten vorbei. Es ist der erste von vier vergebenen deutschen Versuchen. Foto: Kaste
Stimmen
Valentin Altenburg: Wir haben unser Ziel nicht erreicht. Wir wollten das Halbfinale mit einer sehr guten Leistung klarmachen. Auch die Chancenauswertung hat uns heute daran gehindert. Dass wir gegen Argentinien so auf Augenhöhe mitspielen konnten, überrascht mich persönlich überhaupt nicht. Dass wir gleichzeitig die Kleinigkeiten, die heute den Unterschied ausgemacht haben, nicht besser machen können, als uns das heute gelungen ist, nervt tierisch. Deswegen bin ich auch mit dem Ergebnis sehr unzufrieden. Wir hatten einen sehr nervösen, sehr unklaren Start, haben es im Lauf des Spiels dann immer besser kontrolliert, immer mehr unser Hockey gespielt. Wir haben aber trotz des nervösen Starts unfassbar gut verteidigt. Und wie wir heute gewonnen hätten, also über die Offensivleistung oder eine starke Defense oder übers Penaltyschießen, das ist mir völlig egal. Aber alles, was wir gemacht haben, war darauf ausgerichtet, zu gewinnen. Deswegen ist die Zufriedenheit gerade auch am Boden.
Kein einziger Treffer im Shoot-out war sinnbildlich für die die mangelnde Effizienz im heutigen Spiel, aber für das ganze Turnier gilt das sicher nicht. Wir hatten Spiele, wo wir total effizient gewesen sind, und es gab auch Spiele, wo wir das überhaupt nicht waren. Die fünf Schützinnen für das Shoot-out hatten sich schon vor dem Spiel gemeinsam dafür definiert. Es hätte sich kurzfristig noch ändern können, hat es aber nicht.
Wir werden einen gemeinsamen Weg aus dieser Enttäuschung finden, aber das wird jetzt erstmal Arbeit sein, diesen Weg zu finden.
Sonja Zimmermann: Natürlich ist es ein sehr bitteres Ergebnis. Es war klar, dass Argentinien ein schwerer Gegner ist, aber ich habe von Anfang bis Ende dran geglaubt, dass wir das heute nach Hause bringen. Wir waren in den ersten zehn Minuten nicht ganz wach, aber es kam dann mehr und mehr. Es tut natürlich unfassbar weh, eineinhalb Minuten vor Schluss den Einzug ins Halbfinale sich aus den Händen reißen zu lassen. Das ist einfach unfassbar schmerzhaft.
Stine Kurz: Wir haben vor allem in der zweiten Halbzeit auf jeden Fall unseren Stiefel gespielt, den wir spielen wollten. Dann schießen wir in der Schlussphase das 1:0 nach einem super herausgespielten Angriff. Wir waren da völlig am Drücker und haben verdient geführt. Natürlich ist es ärgerlich, dass wir es nicht hinkriegen, das Spiel zu Ende zu spielen, sondern einsdreißig vor Schluss noch eine Ecke bekommen, aus der das 1:1 fällt. Wie es im Penltyschießen halt so ist, mal gewinnt man, mal verliert man. Das ist natürlich super bitter, wir sind sehr enttäuscht. Wir hätten hier gerne noch weiter gezeigt, was wir können. Das muss jetzt erstmal verdaut werden, und dann guckt man irgendwann wieder nach vorne.







