09.08.2024 -Am 14. und letzten Tag der Hockeywettbewerbe holen sich Niederlande (Gold), China (Silber) und Argentinien (Bronze) die Medaillen bei den Damen. Der holländische „Double Dutch“ wird einen Tag nach dem Triumph der Oranje-Herren durch die Damen mit ihrem Finalsieg über China (1:1 sowie 3:1 im Shoot-out) perfekt gemacht. Das erste Mal in der Geschichte olympischer Hockeyturniere gehen beide Goldmedaillen an die gleiche Nation.
Die Belgierinnen, die nach einer 2:0-Führung im Halbfinal-Shootout gegen China schon mit einem halben Bein im Finale standen, haben ihr dramatisches Scheitern offenbar gut verdaut. Sie beginnen das kleine Finale sehr angriffslustig und dominant. Der frühe Lohn ist die Führung, die Emma Puvrez mit dem verwandelten Nachschuss an die zweite belgische Strafecke erzielt (8.). Dann wachen die Südamerikanerinnen auf und können den Rückstand durch Treffer von Agustina Albertarrio, nach im Gewurstel vor dem belgischen Kasten den Überblick behält (22.), und Augustina Gorzelany, die Argentiniens vierte Ecke sehenswert in den Winkel schlenzt (27.), zum 2:1 drehen. Doch noch in der gleichen Spielminute ist der Vorsprung auch schon wieder weg. Justin Rasir drückt im Nachschuss an die fünfte belgische Ecke den Ball hinter die Linie. Ärgerlich auch für den Deutschland-Bezwinger, dass bei dieser Aktion der Videobeweis für sie flöten geht.
Es geht mit dem 2:2 in die Pause. Belgien muss die zweite Hälfte in Unterzahl beginnen, nachdem Puvrez für ein Sliding tackling eine Fünf-Minuten-Strafe aufgebrummt bekam (28.). Das bleibt folgenlos. Es entsteht ein Abnutzungskampf auf Augenhöhe, bei dem die Südamerikanerinnen letztlich mehr Kreisszenen (am Ende 23:12) und Schüsse (13:9) haben, doch Belgien verteidigt seine Gefahrenzone aufopferungsvoll und ziemlich sauber. Erst in den Schlusssekunden muss man noch eine Dreierserie an Ecken (am Ende 7:7) überstehen, was ebenfalls gelingt. Weit davor hat Torhüterin d’Hooghe, die ab dem Deutschland-Spiel für die verletzte Stammkeeperin Picard im Einsatz war, ein Eins-gegen-Eins gegen Granatto gewonnen (48.). Und weil auf der anderen Seite auch Vandermeiren mit ihrer Rückhand an Cosentino scheitert (53.), geht es nach 60 Minuten und einem 2:2-Unentschieden ins Shoot-out.

Belgiens Stephanie Vanden Borre bei ihrem misslungenen Shootout-Versuch gegen Argentiniens Torhüterin Cosentino. Foto: DHZ
Wie gegen Deutschland im Viertelfinale geht Argentinien auch gegen Belgien als 3:1-Sieger hervor. Die Südamerikanerinnen leisten sich nur bei ihrer zweiten Schützin (Jankunas) einen Fehlversuch, während Casas, Dias und Cairo treffen. Das reicht, denn auf belgischer Seite scheitern Englebert, Blockmans und Vanden Borre. Nur Rasir kann als dritte Schützin zum zwischenzeitlichen 1:1 verwandeln.
Für Argentinien ist es nach 2004 und 2008 die dritte Bronzemedaille, drei Mal Silber hat man ja außerdem schon. Dem Gold stand einmal mehr die Niederlande im Weg. Nicht wie bereits drei Mal im Finale, sondern diesmal im Halbfinale. Belgien dagegen muss einen nächsten Anlauf nehmen, um seine erste olympische Medaille zu gewinnen. Bei der erst zweiten Teilnahme nach 2012 (11. Platz) ist Rang vier schon ein gewaltiger Sprung. Was den Schmerz über die verpasste Medaille gerade nicht lindert.
Den Abschluss im Yves-du-Manoir-Stadion in Colombes bildet das Finale zwischen den Niederlanden und China. Die dunklen Wolken, die sich beim Warmspielen über dem Stadion zusammenschieben und auch ein wenig Wasser lassen, verziehen sich dann mit Spielbeginn wieder. Obwohl Favorit Niederlande in den ersten Minuten den Ball zirkulieren lässt und auf den orange-dominierten Rängen eine Atmosphäre herrscht wie im Wagener-Stadion von Amsterdam, ist die Reaktion des Außenseiters beeindruckend. Bei ihren ersten Möglichkeiten, vorne etwas zu machen, gehen die Chinesinnen mit Selbstbewusstsein zu Sache. Der Lohn ist das 1:0 (6.), als der Ball über rechts in den holländischen Kreis kommt, und Yi Chen in der Mitte für die entscheidende Richtungsänderung sorgt.
Das Oranje-Team reagiert, zieht das Tempo noch weiter an und kommt durch de Waard auch zum ersten gefährlichen Abschluss. Ye pariert den Schuss (11.). Mehr muss China bis zur ersten Viertelpause nicht überstehen.
Der Druck der Niederländerinnen wird im zweiten Viertel größer. China ist fast nur noch mit Abwehrarbeit beschäftigt, stellt sich dabei geschickt an. Auch die verhängte erste Ecke (17.) können die Asiatinnen mittels Videobeweis wieder rückgängig machen. Mit einem weiteren Videobeweis schaffen sie es zehn Minuten später, einen von Schiedsrichterin Wilson nach einem Foul an der durchgebrochenen Moes gepfiffenen Siebenmeter wieder annullieren zu lassen. Die stattdessen verhängte zweite Ecke wird erfolgreich abgelaufen. Kurz davor war die erste niederländische Ecke durch Matla halbhoch an den Pfosten geknallt worden (26.). Mit dem nötigen Glück bringt China das 1:0 in die Halbzeit.
Ohne Änderung im Spielgeschehen geht es nach der Pause weiter. Die Niederlande laufen gegen eine sehr aufmerksame chinesische Abwehr an, die kaum Fouls braucht, um immer wieder die möglichen Brandherde zu löschen. Und so kommt der Favorit einfach nicht zu aussichtsreichen Kreisszenen. Die beste Chance auf ein Tor hat im dritten Viertel sogar China, als nach gelungenem Pass in die Spitze Zou schießen kann und den Kasten nur um einen Meter verfehlt (40.). Deutlich weiter am Tor vorbei geht Fokkes Abschluss (42.), und auch bei Matlas Ecke (44.) ist kein Durchkommen. Mit 1:0 geht es ins letzte Viertel.
Langsam beginnt den Holländerinnen die Zeit davonzulaufen. Und nach 47 Minuten holt China auch noch seine erste Ecke. Der Schlenzer von Gu ist nicht von schlechten Eltern, doch Veenendaal lenkt ihn mit dem Handschoner ins Aus. Neun Minuten vor Ende kann sich das Oranje-Team mal schön durchkombinieren. Kapitänin de Waard kommt frei zum Schuss, die Torhüterin pariert stark, aber beim Herausspielen des Balles unterläuft China ein Fehler. Die Folge ist die vierte Ecke, die Yibbi Jansen dann im langen Eck bretthoch versenkt – 1:1 (51.). Der neunte und wichtigste Treffer der besten Turniertorschützin.
Bei einem Albers-Schuss (56.) und einer weiteren Jansen-Ecke (58.) liegt noch das 2:1 für Oranje in der Luft, andererseits haben die Holländerinnen Glück, dass 40 Sekunden vor Ende erst die zweite chinesische Ecke zurückgenommen wird (korrekterweise) und acht Sekunden vor Schluss ein Flankenball in den holländischen Kreis nur um Schrittweite am Schläger einer chinesischen Stürmerin vorbeifliegt.
Es geht ins Shoot-out. China hat durch das Halbfinale Übung, die Holländerinnen nicht. Aber das macht nichts. Mit großer Überzeugung verwandeln Sanders, Verschoor und Veen. Der Fehlversuch von Moes an Position drei macht nichts, weil He und Zou schon an Veenendaal gescheitert sind. Zhong zögert mit dem 1:2 die Entscheidung nochmal hinaus, aber als Na nicht an der holländischen Torfrau vorbeikommt, kann die Party in orange beginnen.
13:3 Torschüsse, 5:1 Ecken und 19:8 Kreiseintritte sprechen eigentlich eine klare Sprache, doch dass es so eng werden könnte für die Holländerinnen, hätte kaum jemand vermutet. Respekt nicht nur für China, sondern auch an das Schirigespann Delforge/Wilson, das sich vom Druck der holländischen Fans in keiner Sekunde beeinflussen lässt.

Die Familie von Yibbi Jansen feiert den Triumph. Vater Ronald (links) war als Goldmedaillengewinner 1996 und 2000 selbst schon zwei Mal Olympiasieger. Jetzt ist es auch erstmals Tochter Yibbi. Foto: DHZ







