Die Schweiz als Ausrichterland des 34. Hallen-Europacups der Herren-Landesmeister durfte für den Mannheimer HC durchaus als gutes Omen herhalten. Schließlich gewann der MHC dort im Jahr 2011 bei seiner ersten Teilnahme am EuroHockey Indoor Club Cup in Luzern den Siegerpokal. 14 Jahre später griff der Deutsche Hallenmeister von 2024 in Wettingen wieder auf eidgenössischem Boden nach der europäischen Hallen-Krone. Hauchdünn wurde letztlich das Ziel verfehlt, Mannheim unterlag im Endspiel dem belgischen Meister Royal Leopold Club aus Brüssel nach Shoot-out. Einen kleinen Pokal durfte die MHC-Delegation wenigstens aus der Schweiz mit auf den Heimweg nehmen: den für Ben Hasbach als dem besten Nachwuchsspieler des Turniers.
Mit einem 10:1 (3:0)-Kantersieg über den türkischen Vertreter Gaziantep Polisgücü startete Mannheim am Freitagmittag sehr gelungen ins Turnier. Jeweils als Doppeltorschützen konnten sich Ben Hasbach, Jan Wentscher, Luis Holste und Peer Hinrichs ins Spielprotokoll eintragen lassen, daneben trafen Jossip Anzender und Matteo Poljaric. Der im Sommer 2024 aus Berlin zum MHC gekommene Nationalspieler hatte in der gesamten Hallensaison kein einziges Pflichtspiel bestritten und füllte den durch Nationalteam-Abstellungen und Verletzungen dezimierten Mannheimer Europacup-Kader kurzfristig auf. Erst beim Stand von 9:0 musste auch Torwart Florian Simon mal hinter sich greifen. Dass Holste noch einen Siebenmeter beim Stand von 3:0 vergab, war gar kein Problem.
Deutlich schwieriger wurde es für Mannheim schon beim zweiten Auftritt am Freitagabend. Gegen die Spanier von Sanse Complutense lag die Mannschaft von Cheftrainer Andreu Enrich zur Halbzeit nach einem frühen 0:1 (3.) in Rückstand. Es war viel Geduld und Arbeit nötig, um durch Luis Holste (E, 28.) und Jossip Anzeneder per Rückhand-Kunststück (38.) noch zum 2:1-Sieg zu kommen.
Trotz zweier Siege war die MHC-Halbfinalteilnahme aufgrund der Ergebniskonstellation in der Gruppe A vor dem letzten Vorrundenspiel am Samstagmorgen immer noch nicht perfekt. Und zur Halbzeit sah es nicht gut aus, denn Mannheim lag gegen den ukrainischen Vertreter OKS SHV Vinnitsa nach 20 der 40 Minuten tatsächlich 1:2 in Rückstand. Nico Reichert, der in der ersten Hälfte schon zum 1:1 ausgeglichen hatte, schaffte dann auch den zweiten Gleichstand, ehe Ben Hasbach und Matteo Poljaric noch für ein 4:2 sorgten. Dass am Ende noch ein astrein und erfolgreich ausgeführter Hasbach-Siebenmeter von der holländischen Schiedsrichterin wegen angeblich technischem Fehler in der Ausführung zurückgepfiffen wurde, war angesichts des Spielstandes verkraftbar und trotzdem ärgerlich.

Mit fünf Toren war Luis Holste (rechts; im Finale gegen Royal Leopold Club) der erfolgreichste MHC-Torschütze beim Hallen-Europacup in der Schweiz. Foto: Markgraf
Mannheim hatte damit den Gruppensieg errungen und traf am frühen Samstagabend im Halbfinale auf den Zweitplatzierten der anderen Gruppe, den niederländischen MMHC Voordaan. Anders als die ersten Mannheimer Gegner, die ihr Heil gegen den deutschen Favoriten fast durchweg in der Defensive suchten (Andreu Enrich: „Alle verteidigen gegen uns extrem tief. Das macht es schwer, die Lücken zu finden und gleichzeitig gegen Konter gewappnet zu sein. Das ist für unsere Spieler mental nicht einfach, sich dabei auf Dauer nicht zu frustrieren“), trauten sich die Holländer weitaus öfter in die Offensive. Das gab zwar etwas mehr Stress für die MHC-Abwehr, bot andererseits den Mannheimer Offensivkräften endlich auch mal mehr Platz. Schon bis zur Halbzeit stellten Jossip Anzeneder, Jan Wentscher, Nico Reichert und Luis Holste das Ergebnis auf 4:0, nach der Pause und einem 1:4-Gegentreffer waren es dann Peer Hinrichs, Ben Hasbach, Jan-Philipp Fischer und nochmal Wentscher, die den souveränen 8:2-Sieg sicherten.
Einen deutlich schwierigeren Weg ins Finale hatte der Royal Leopold Club. Im Halbfinale gegen Complutense machten die Spanier aus einem 2:0 für Brüssel mit vier Treffern in Folge eine 4:2-Führung. Erst ein Hattrick von WM-Torschützenkönig Philippe Simar im letzten Viertel bescherte den Belgiern noch den 5:4-Sieg.
Die Wirkungskreise von Simar zu stoppen, war eine der Aufgaben des MHC für das Finale am Sonntag. Das klappte dann tatsächlich auch gut. Der Brüsseler Torjäger konnte zu seinen bisherigen 13 Treffern aus vier Spielen keinen weiteren mehr hinzufügen. Für Simar in die Bresche sprang jedoch Tom Degroote. Per Konter (12.) und Strafeckenableger (27.) brachte er die Belgier mit 2:0 in Front. Unmittelbar vor Ende des dritten Viertels konnte Mannheim endlich verkürzen, als Luis Holste eine der wenigen Lücken im gegnerischen Abwehrbollwerk fand. Im offiziellen Turniereintrag wurde zwar Ben Hasbach als Schütze des 1:2 (30.) aufgeführt, doch die Bewegtbilder der Szene zeigten eindeutig, dass Hasbach gar nicht mehr am Ball war, sondern Torwart Henet den zunächst parierten Holste-Schlenzer selber hinter die Torlinie bugsierte.
Wie auch immer. Mannheim war dran und kam durch Jossip Anzeneder nach gelungener Eckenvariante sechs Minuten vor Ende zum verdienten 2:2-Ausgleich. Dabei blieb es bis zum Schlusspfiff. Das Shoot-out musste über den Nachfolger des 2024-Gewinner Harvestehuder THC entscheiden. Mannheim wechselte jetzt den Torwart, brachte für den die gesamten bisherigen Europacup-Partien bestreitenden Florian Simon den Spanier Adrian Rafi zwischen die Pfosten. Ein Schachzug, der dem MHC 2024 bei gleicher Situation den Hallen-DM-Titel beschert hatte. Rafi war auch im Feld-DM-Endspiel 2024 ein erfolgreicher Penalty-Killer.
Aber diesmal ging der Plan nicht auf. Der MHC-Torwart musste sich gleich Tom Degroote geschlagen geben. Jan Philipp Fischer scheiterte als erster Mannheimer Schütze an Romain Henet, ebenso wie im zweiten Durchgang Jossip Anzeneder. Rafi konnte eine vorschnelle Entscheidung hinauszögern, als er gegen Igor Lockwood parierte. Doch dessen Bruder Viktor Lockwood überwand dann den Torwart zum 2:0. Somit durfte und brauchte Ben Hasbach gar nicht mehr antreten, das Leopold-Team feierte ausgelassen seinen Sieg. Als erste belgische Mannschaft überhaupt hatten die Brüsseler den Hallen-Europacup gewonnen. Die deutsche Phalanx mit 27 Siegen bei diesem seit 1990 existierenden Wettbewerb konnten bislang erst Terrassa/Spanien (1999), Wettingen/Schweiz (2002), Poznan/Polen (2003, 2007), Partille/Schweden (2019) und Ekaterienburg/Rusland (2022) durchbrechen.
Royal Leopold Club räumte auch bei den individuellen Preisen groß ab: Philippe Simar wurde als Torschützenkönig, Romain Henet als bester Torwart und Tanguy Zimmer als bester Spieler geehrt, lediglich Ben Hasbach mit der Auszeichnung als bester U21-Akteur des Wettinger Europacups kam nicht aus dem Siegerteam.

Kapitäne und Schiedsrichterinnen vor dem Finale. Von links: Tanguy Zimmer (Leopold), die Schiedsrichterinnen Ana Ortega (Spanien) und Kamile Mockaityte (Litauen), Jan-Philipp Fischer (MHC). Die Leitung eines Herren-Europacup-Endspiels durch zwei weibliche Unparteiische war eine Premiere - und klappte gut. Foto: Worldsportpics
„Im vorigen Jahr haben wir mit unserer Shoot-out-Strategie zwei Titel gewonnen, diesmal eben verloren. So etwas ist Teil des Spiels. Wir sind natürlich enttäuscht vom Ergebnis im Finale. Die Jungs haben ihr Bestes versucht und alle Energie reingepackt. Die Belgier haben sehr gut verteidigt. Ich habe nicht den nötigen Taktikplan gefunden, unsere Lösungen waren nicht ausreichend genug. Unsere Vorbereitung auf dieses Turnier war nicht die Beste, aber ich bin trotzdem zufrieden mit dem Auftritt unserer Spieler“, fasste Andreu Enrich den mit der Silbermedaille belohnten MHC-Auftritt zusammen.
Neben der MHC-Delegation waren vier weitere Deutsche offiziell am Europacup-Event in Wettingen beteiligt: Christian Deckenbrock als Turnierleiter (Technical Delegate), Benedict Spermoser als Judge sowie Tim Meissner und Thomas Hinsken als Schiedsrichter.
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