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Andreu Enrich: Mit dem Auge fürs Detail ein passendes Puzzleteil

Eine Mannschaft ist wie ein Puzzle. Alle Teile müssen im richtigen Moment zusammenpassen. Bei den Spielern ist dies so, und auf Trainerseite längst auch. Die Zeiten sind lange vorbei, wo im Spitzenhockey ein einzelner Coach für alles verantwortlich ist. Mehrere Trainer bedienen verschiedene Bereiche. Das deutschen Herren-Nationalteam ist da keine Ausnahme.

Nach dem Ausscheiden von Co-Trainer Jami Mülders nach Paris 2024 war Bundestrainer André Henning auf der Suche nach einem Verantwortlichen für den Offensivbereich. "Wir haben Experten für bestimmte Bereiche, und die dürfen sehr viel machen", sagt André Henning, "egal ob es im medizinischen Bereich oder bei den Trainern ist." Der Kandidat für den Part muss also vor allem gute Offensivarbeit machen, und beim Bundesligatopteam des Mannheimer HC ist dies schon lange der Fall. Hennings Wahl fiel somit auf den Trainer der 1. Herren des MHC, den Spanier Andreu Enrich.

"André und Andreu wollten ohnehin schon seit Langem mal zusammenarbeiten", erzählt DHB-Sportdirektor Martin Schultze. "Er hat da nochmal eine komplett andere Sichtweise. Letztendlich sucht sich André sein Co-Trainer- oder Staff-Team ja auch selbst zusammen. Und nach dem Ausscheiden von Jami wurde jemand gesucht, der einen etwas anderen Stil und eine andere Art mitbringt als André. Deshalb war Andreu ein heißer Kandidat – auch wegen der Top-Arbeit, die er schon länger in Mannheim macht."

Andreu Enrich ist also nun bei den deutschen Herren verantwortlich für Ballbesitz, also was die Mannschaft macht und machen muss, wenn man den Ball hat. "Pasha ist ein bisschen mehr für die Abwehr zuständig, und ich kümmere mich um den Angriff. Das war auch Jamis Rolle und was André für mich vorgesehen hat", erzählt Enrich über die Arbeitsaufteilung mit dem Niederländer Pasha Gademan.

Während der Berliner Pro-League-Woche musste Enrich jedoch eher die Gegner analysieren und herausarbeiten, wie sie verteidigen und wie man sie schlagen könnte. "Ich habe dann auch Treffen mit den Jungs, sehr individuelle Meetings und analysiere sie", beschreibt er sein Aufgabengebiet. Eine Sprachbarriere gebe es schon noch, erzählt der Spanier. Das laufe noch meistens auf Englisch ab, sagt Enrich, aber während des Spiels kommuniziert er auch einfache Infos auf Deutsch, Taktik und Feinheiten bleiben aber noch dem Englischen vorbehalten. 

Seit fünf Jahren ist Andreu Enrich der Cheftrainer beim Mannheimer HC. Mit den MHC-Herren holte der Spanier die DM-Titel in der Halle 2022 und im Feld 2024.  Foto: MHC

Enrichs Basis ist Mannheim und die dortige Arbeit mit den Bundesliga-Herren des MHC. Er freut sich aber unheimlich über die Rolle bei der Nationalmannschaft. Ein großer Faktor dabei ist für ihn, dass er in seiner Rolle dort nicht die volle Verantwortung hat, so wie im Verein. Vor allem gebe es ihm die Möglichkeit, sich mehr auf kleinere Dinge zu konzentrieren, und er möge das sehr, betont Enrich. Dass es genau das ist, was der Bundestrainer von Enrich möchte, ist kein Zufall. Die Detailarbeit und Akribie des Spaniers sind Henning bekannt, nicht zuletzt durch dessen diverse Buchveröffentlichungen („Hockey – a philosophical game“; „Tactical dilemmas“).

Nach einer intensiven Bundesligasaison als Haupttrainer sei er froh, sich bei der Nationalmannschaft auf die Feinheiten konzentrieren zu können, und er sei dadurch viel entspannter, sagt Enrich. "Für mich persönlich ist es auch eine tolle Erfahrung, um mich weiterzuentwickeln. Ich möchte besser als Trainer werden, und bei einer der besten Mannschaften der Welt mitzuarbeiten mit André und Pascha, die beide Top-Trainer sind, ist ein Privileg."

Es ist ein Geben und Nehmen. Für den Bundestrainer war es sehr wichtig, dass Andreu Enrich viele neue Impulse hineingebracht hat, da man nach Olympia 2024 im Coaching-Staff den Eindruck hatte, dass die Mannschaft sich gegen Manndeckungen nicht so wohl gefühlt habe. Dies sei Enrichs Hauptpunkt gewesen, außerdem neue Aufbauideen einbringen und ganz viel Individuelles. Zum Thema Manndeckung und Aufbau hat er bereits viel Neues eingebracht, Weiteres würde man gemeinschaftlich entwickeln, erzählt Henning.

Seine durchaus als honorig zu verstehende Betitelung "Hockey-Professor" verdankt Andreu Enrich auch diversen Buchveröffentlichungen, in denen er sich dem Hockeypsport nicht nur auf taktischer, sondern sogar auf philosophischer Ebene widmet. Foto: Verlag

Aufgrund seiner Detailverliebtheit macht der Co-Trainer zudem auch Einzelvideos und Einzeltraining. Bereits nach den ersten Einheiten sei es schon sehr interessant gewesen, berichtet Henning schmunzelnd, denn Enrich sei dann auch nach dem Videostudium zu den Spielern hingegangen und habe Kleinigkeiten im Video gesehen, wie beispielsweise die Handhaltung, und hätte die Spieler darauf hingewiesen, dass eine andere Handhaltung unweigerlich zu einem besseren Druckpass führen würde. Die Jungs hätten zunächst ein wenig gezweifelt, und gedacht, dass er das doch gar nicht am Video sehen könne, aber nach dem ersten Training auf dem Platz lautete das Fazit beim Mittagessen: "Krass, der hat recht!" "Das ist natürlich toll, wenn man sich mit so einer vermeintlichen Kleinigkeit auch technisch nochmal verändern kann", freut sich der Bundestrainer.

Er selber sei jemand, der eher das große Ganze, das Big Picture, sehe, sagt Henning, und jemanden zu haben, der genau das bediene, was er nicht so gut könne, sei einfach toll. Enrich kriege viel Verantwortung und mache auch viel, und habe sicherlich auch viel mit der Entwicklung dieser Mannschaft zu tun, obwohl er erst seit ein paar Monaten dabei sei. Auch als Typ passe er sehr gut, was natürlich auch von Vorteil ist, wenn man permanent tourt und viel Zeit miteinander verbringen muss, so Henning. Da sei es gut, wenn man gute Menschen um sich hätte, und Enrich zähle da zu hundert Prozent dazu, versichert der Cheftrainer. Das Puzzleteil Andreu Enrich passt also.    C.K.