DEUTSCHE
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Deutschlands Herren einmal mehr als Comeback-Künstler

Es war nicht das erste Mal, und doch ist es immer wieder verblüffend, wie es einer deutschen Herren-Nationalmannschaft gelingt, aus einer scheinbar völlig verfahrenen Situation noch den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und am Ende als strahlender Sieger dazustehen. Ihr EM-Auftaktspiel gewannen die Honamas gegen Frankreich am Freitagabend vor rund 4000 Zuschauern mit 3:2 (0:0).

Nimmt man die Szene in der 13. Minute heraus, als Corentin Sellier ziemlich ungehindert in den deutschen Kreis eindringen und mit der Rückhand abziehen konnte (der Ball strich knapp am langen Pfosten vorbei), so war es ansonsten gut 40 Minuten lang ein Spiel in eine Richtung: Weltmeister Deutschland schnürte den Gegner über weite Strecken in der eigenen Hälfte ein, hatte alles im Griff und kam alle paar Minuten zu gefährlichen Szenen im französischen Kreis. Bei sechs Strafecken bis zur 39. Minute fehlte die Präzision, sowohl in der technischen Ausführung als auch in den strategischen Entscheidungen. Und bei Feldchancen vermisste man entweder die letzte Entschlossenheit und Genauigkeit im Abschluss, oder Torwart Saunier war zur Stelle. Besonders bei Weigands Nachschuss, der nach 17 Minute die größte Chance zur verdienten Führung darstellte.

Und wie es dann oft in solchen Spielen kommt, in der die überlegene Mannschaft Chancenwucher betreibt, so war auch diesmal. Nach 42 Minuten erkämpfte sich Frankreich seine erste Ecke. Der Schlenzer von Victor Charlet wurde von Herausläufer Teo Hinrichs abgefälscht und somit zum kaum haltbaren Geschoss für Jean Danneberg. Bald nach der letzten Viertelpause gewann Charlet auch sein zweites Eckenduell gegen den deutschen Keeper, der diesmal flach vom französischen Hünen überwunden wurde – 0:2 nach 48 Minuten.

Doppeltorschütze Justus Weigand (rechts) gegen den Franzosen Brieuc Delemazure. Foto: Worldsportpics

 

Es sah nicht gut aus für die deutsche Mannschaft, die jetzt spürbar mit sich und dem Schicksal kämpfte. Das Publikum spürte das und ging mit lauten Anfeuerungsrufen regelrecht aus dem Sattel. Und tatsächlich half dies mit, die missliche Lage zu ändern. Nach Solo und Schlenzball von Tom Grambusch erreichte Thies Prinz das Zuspiel an der französischen Grundlinie, seinen kniehohen Querpass drückte am zweiten Pfosten Justus Weigand zum 1:2 (50.) ins Netz. Der Anschlusstreffer befreite die Honamas, die keine Zeigerumdrehung weiter ihre siebte Ecke herausholten. Diesmal stimmte endlich alles: Der Flachschlenzer von Gonzalo Peillat tunnelte Torwart Saunier – 2:2 (51.). Deutschland wollte nicht mehr nur die drohende Niederlage verhindern, sondern spielte jetzt voll auf Sieg. Nach einem unwiderstehlichen Sololauf von Johannes Große lenkte Weigand dessen Rückhandflanke in bester Mittelstürmermanier zum 3:2 (55.) in den Kasten. Das Tor hielt auch dem französischen Anruf des Videoumpires (angebliche Sperrung von Große) Stand.

Durch war Deutschland mit seiner erstmaligen Führung aber noch nicht. Eine Minute vor Ende rettete Danneberg in Unterzahl nach grün gegen Müller mit einem fantastischen Reflex gegen den Stecher von Esmenjaud die drei Punkte.

 

 

Stimmen

 

Mats Grambusch (Kapitän): Ich glaube wir hätten es nicht so eng machen müssen. Wir haben 45 Minuten ordentlich gespielt, waren das dominante Team, und trotzdem stand es dann 0:2. Das Wichtigste war, dass wir weitergemacht haben, irgendwie unseren Stiefel weiter runtergespielt, Chancen und Ecken geholt haben und nicht irgendwie durch die Wand etwas versucht haben. Ich habe in meiner Karriere bestimmt schon 30 Spiele und auch einem 0:2 noch gedreht. Mit diesem Wissen sind wir auch nicht ängstlich geworden, sonst wären wir auch nicht belohnt worden. Es war unglücklich, wie wir die Ecken reinbekommen haben, speziell die erste. Das 1:2 hat uns einen Kick gegeben. Das ging durchs Stadion und uns durch selber auch. Da war mir schon klar, dass es Minimum Unentschieden ausgehen oder sogar noch ganz zu unseren Gunsten kippen wird. Im Auftaktspiel mit einer Niederlage rauszugehen und dann gegen England spielen zu müssen, wäre unsexy gewesen, deswegen bin ich jetzt relativ glücklich, dass wir das noch gedreht haben. Mit Revanche für die EM-Halbfinalniederlage von vor zwei Jahren hat kommende Spiel gegen England gar nichts zu tun.

 

Justus Weigand (Doppeltorschütze): Klar war das 0:2 erstmal ein Schockmoment, aber ich glaube, man hat schon gesehen, dass wir trotzdem die dominierende Mannschaft waren, und auch die letzten Spiele haben ja schon gezeigt, dass wir auch einen Rückstand aufholen können. Nach ein, zwei wackeligen Minuten haben wir uns relativ schnell gefangen und ziemlich schnell den Anschluss geschossen. Das löst dann so eine kleine Lawine aus, und das hat dann am Ende auch Gott sei Dank gereicht, um noch den Sieg zu holen. Ehrlicherweise wollen wir ja so ein Comeback auch nicht herausfordern, sondern von Anfang an in Führung gehen. Das kann man sich oft nicht aussuchen, deswegen sind wir jetzt erstmal froh, dass wir das Spiel noch drehen konnten. Wir müssen aber auch ehrlich zugeben, dass wir am Anfang ein bisschen zu viele Chancen haben liegen lassen. Wir können so ein Spiel auch deutlich entspannter gestalten, als es jetzt am Ende war. Aber so gibt das dann so eine gewisse Portion Selbstbewusstsein für die nächsten Spiele. Ob ich die Tore schieße oder andere, ist mir ehrlicherweise egal. Am wichtigsten ist, dass am Ende die Mannschaft gewinnt. Aber ich bin nummal Stürmer und schieße ganz gern Tore, und wenn ich meinen Beitrag zum Sieg leisten kann, ist das natürlich super.

 

André Henning (Bundestrainer): Es ist nicht gesetzt, dass diese neue Mannschaft das schon so kann, Spiele umzubiegen. Das ist ein enormer Erfahrungswert, den wir hier mitnehmen können. Dass wir es sportlich draufhaben, hat das Spiel gezeigt. Es hätte statt 0:2 auch 4:1 oder 4:2 stehen können in dieser kritischen Phase des Spiels. Das hat natürlich sehr genervt. Wir haben 30 bis 60 Sekunden schon gewackelt. Die Stimmung auf der Bank war auch leicht angespannt. Wir haben uns gefragt: Schießen wir noch ein Tor, oder geht das hier so bis Mitternacht weiter? Die Mannschaft ist dann aber über den Berg herübergegangen. Da war am Ende aber sehr viel Glaube in unser Vermögen. Wir haben Pläne. Die haben die Jungs umgesetzt. Jeder hat hier seine Rolle. Als wir dann dran waren, war übrigens nicht die Ansage, es geht um ein Unentschieden. Nein, es ging uns ums Gewinnen. Der Ausgang hat jetzt eine Ausstrahlung, nach innen, nach außen durch ganz Hockeydeutschland, alle Gegner haben es gesehen. Bei unseren ersten Ecken waren wir nicht glücklich in den Entscheidungen und bei der Ausführung auf der für Ecken technisch schwierigeren Platzseite. Ein Mix aus Technik und Konsequenz in der Durchsetzung hat uns da am Ende geholfen.

Das war heute ein großer Schritt Richtung Halbfinale. Jetzt haben wir es in eigener Hand, vielleicht schon am Sonntag mit einem Sieg gegen England alles klarzumachen. Dafür, dass das Stadion nur zu einem guten Drittel voll war, war das eine fantastische Stimmung und hat sehr viel Spaß gemacht. Wie die Leute uns heute getragen haben, war wirklich toll.