Wie schon vor zwei Jahren im EM-Halbfinale gab es zwischen Deutschland und England nach 60 Minuten keinen Sieger. Folgte damals nach einem 0:0 ein 4:5 im Shoot-out, stand diesmal nach einem 1:1 keine künstliche Entscheidungsfindung an, schließlich war es am Sonntag vor rund 10 000 Zuschauern im quasi ausverkauften Stadion lediglich ein Gruppenspiel. Den Punkt, den jeder aus dem Topspiel der Gruppe B mitnimmt, könnte sich eher für die deutschen Herren als Vorteil erweisen, haben sie doch mit Polen im Gegensatz zu den Briten, die gegen Frankreich spielen, am Dienstag den vermutlich einfacheren Gegner zum Abschluss der Vorrunde.
England überraschte mit ganz frühem Pressing und holte so bereits in der 3. Minute seine erste (und einzige) Ecke nach einem deutschen Einschiebeball kurz vor der Grundlinie heraus, als Mats Grambusch gegen gefühlt fünf Gegner den Ball verlor. Die deutsche Eckenabwehr machte den Fauxpas ihres Kapitäns wieder wett. Auch im weiteren Verlauf des ersten Viertels erarbeiteten sich die Briten leichte optische Feldvorteile, aber eine echte Einschusschance gab es nur durch Sam Ward, der aber am herauseilenden Danneberg seinen Meister fand (14.). So blieb die größte Torgelegenheit der Auftaktviertelstunde der atemberaubende Sololauf von Michel Struthoff. Der nach abgeklungener Mandelentzündung ins Team zurückgekehrte Mittelfeldmann ließ bei seinem EM-Debüt vier, fünf Gegner wie Slalomstangen stehen, ehe Torwart Mazarelo den Einschlag verhinderte (13.).

Vor nahezu komplett gefüllter Tribüne im knapp 10 000 Zuschauer fassenden Sparkassen-Park bestritt Thies Prinz (am Ball) sein 100. Länderspiel. Ein 1:1 gegen England verhinderte zwar den Sieg, dennoch war der Jubilar hinterher durchaus einverstanden mit dem Resultat. Foto: Worldsportpics
Im zweiten Viertel holte sich Deutschland beim 100. Länderspiel des „EM-Gesichtes“ Thies Prinz mehr und mehr die Spielkontrolle, drängte England in die eigene Hälfte zurück. Um die 20. Minute herum gab es eine Serie von vier Ecken, die die Briten mit vollem Körpereinsatz verteidigten. Dabei handelte sich England-Verteidiger Sorsby auch eine gelbe Karte ein, als er beim Rückwärtswerfen seiner Schutzmaske die belgische Schiedsrichterin Sergeant traf. Mit der Fünf-Minuten-Überzahl konnte Deutschland außer Ballbesitz wenig anfangen. Torgefahr kam erst danach noch einmal durch Dribbelkünstler Struthoff zustande, der wirklich ein belebendes Element war, doch erneut am Torwart scheiterte (28.). Torlos ging es in die Pause.
Die Spielkontrolle der deutschen Mannschaft setzte sich auch nach Wiederbeginn fort. Doch die Engländer verteidigten ihren Kreis nun über längere Zeit sauber. Einzig der gleich zweimal in die Spitze vorstoßende Paul Kaufmann erzeugte Gefahr und hatte nach 37 Minuten den Führungstreffer auf dem Schläger. Einmal mehr stand Mazarelo als letztes Hindernis im Weg.
Ähnlich wie im deutschen Auftaktspiel gegen Frankreich geriet die DHB-Auswahl ganz gegen den Spielverlauf in Rückstand. 22 Sekunden vor Ablauf des dritten Viertels steckte Roper geschickt auf James Gall durch. Der Mittelfeldmann nahm den Ball raffiniert mit und hatte damit einen kleinen Vorsprung, den er zum Absetzen einer argentinischen Rückhand nutzte. Das wuchtige Geschoss fast vom Kreisrand schlug unter der Latte des Gehäuses von Jean Danneberg ein, dem man bei diesem 0:1 (45.) wirklich keinen Vorwurf machen konnte.
Wieder hieß es für die deutsche Mannschaft: ruhig bleiben und trotzdem noch einen Gang hochschalten, um eine drohende Niederlage abzuwenden. Im Schlussviertel holten sich die Honamas tatsächlich noch sechs Strafecken heraus. Und bei Versuch Nummer acht von insgesamt zehn Ecken war es dann soweit: Gonzalo Peillat überwand, mit Schützenhilfe des den Ball abfälschenden Läufers den englischen Keeper zum 1:1 (52 .). Dabei blieb es, auch wenn Deutschland wie schon gegen Frankreich auf die komplette Wende aus war und einem Siegtreffer tatsächlich deutlich näher war als die kaum noch in der deutschen Hälfte aufkreuzenden Briten.

Michel Struthoff (in weiß) bei einem seiner beeindruckenden Soloaktionen gegen England. Der im Frankreich-Spiel nach seiner Mandelentzündung noch nicht einsatzfähige Offensivspieler belebte den deutschen Auftritt, auch wenn es am Ende gegen die Briten nur zu einem 1:1-Unentschieden kam. Fotos: Worldsportpics
Stimmen
Thies Prinz (100. Länderspiel): Man gewinnt seine Jubiläumsspiel natürlich lieber, als Unentschieden zu spielen. Aber wir sind zufrieden damit, weil wir mit vier Punkten gegen England und Frankreich absolut im Soll sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir gegen Polen ein gutes Ergebnis erreichen werden und wir dann den ersten Gruppenplatz belegen. England ist aktuell die wahrscheinlich stärkste Manndeckungsmannschaft der Welt. Es ist schwer, gegen sie Chancen zu kreieren, weil vom Ablauf her alles perfekt stimmen muss. Michel Struthoff ist da vor allem in den Kreativmomenten sehr wichtig für unser Spiel. Da hat er alle Freiheiten, seine überragende Technik anzuwenden. Von der Leistung her heute können wir uns eigentlich nicht viel vorwerfen, außer früher ein Tor zu schießen. Wir nehmen es uns bestimmt nicht vor, jedes Mal in Rückstand zu geraten. Aber wir können uns darauf verlassen, dass wir wieder zurückkommen, wenn es hart wird. Das ist eine absolute Stärke unserer Mannschaft.
Michel Struthoff: Tatsächlich stand mein Einsatz hier bei der EM ein bisschen auf der Kippe. Ich hatte eine Mandelentzündung, die zum Glück schnell wieder zurückgegangen ist. Da hat unser medizinischer Staff gute Arbeit geleistet. Am Donnerstag haben wir dann entschieden, dass ich ab heute spielen kann. Ich bin froh, dass es geklappt hat. Der Körper hat mitgespielt, und für mein erstes Spiel, zugleich ja auch mein erstes EM-Spiel war es völlig okay. Die Dinge, die ich probiert habe, haben – bis auf den Torerfolg – geklappt. Es war ein cooles Gefühl auf dem Platz mit einer geilen Stimmung im Stadion. Das Ergebnis heute lässt uns zusammen mit dem Sieg gegen Frankreich relativ entspannt ins Polen-Spiel gehen.
André Henning (Bundestrainer): Die Bewertung des 1:1 hängt vom Blickwinkel ab. Ich finde, wenn man das Spiel an sich anschaut und das Ergebnis sieht, dann ist das weniger als möglich gewesen wäre. Wenn man aber guckt, wie unsere letzten Spiele gegen England gelaufen sind, dann ist das wahrscheinlich eines unserer besten England-Spiele, das wir bisher hatten. Wir haben deutlich mehr Chancen als sie, deutlich mehr Ecken, viel Ballbesitz. Defensiv wurde es einmal gefährlich, als wir blöd am eigenen Kreis den Ball verlieren. Und dann spielen sie uns ein einziges Mal aus - das gehört im Hockey dazu, dass die Raumdeckung mal geknackt wird. Also wenn ich jetzt auf die Entwicklung schaue, bin ich super happy, weil ganz viele Sachen - natürlich mehr in der zweiten Halbzeit - sehr stark durchgesetzt wurden. Wenn wir ein bisschen mehr Konsequenz, vielleicht auch Fortüne am Ende haben, die Eckenabläufe verbessern, dann wird das im Normalfall ein deutlicher Sieg von uns. Deswegen finde ich so ein 1:1 persönlich ein bisschen schade und nervend, aber das muss ich jetzt akzeptieren.
Erste Halbzeit war eine ziemlich statische, die zweite deutlich dynamischer. Das besprechen seit einem Jahr, wie wir gegen Manndeckungen mehr Dynamik reinbekommen. Das haben die Jungs heute streckenweise ein bisschen vergessen. Da müssen wir auch mehr Vertrauen in die eigene Qualität haben. Unsere Eckenquote ist, bedingt durch ganz viele kleine Faktoren, noch verbesserungswürdig. Ich mache mir da aber wenig Sorgen. Gonzo hat ja schon bewiesen, dass er einer der stärksten Eckenschützen der Welt ist, wenn es hart auf hart kommt.
Michel Struthoff hat den Freitraum und unseren Support, solche positiv-verrückten Dinge zu machen wie in der ersten Halbzeit, wo er da vier Leute austanzt und kurz davor ist, ein Wahnsinnstor zu schießen. Wir brauchen mehr von solchen Unterschiedsmomenten, mehr Unterschiedsspieler, die wissen, in welchem Augenblick sie mal zugreifen können und sich einfach mal so einen Moment nehmen. Das ist natürlich auch eine Entwicklung, die wir gerade noch machen müssen. Solche Momente kamen vor zwölf Monaten noch von Wellen und Rühr und so weiter. Dass die jetzigen Jungs in solche Rollen noch weiter reinwachsen müssen, das ist natürlich auch Teil des Turniers. Wenn wir hier was reißen wollen, dann wird unsere Kurve nach oben gehen müssen, die geht auch hoch, aber sie kann noch weiter steigen.
Wenn wir gegen Polen am Dienstag mit nur 60, 70 oder 80 Prozent reingehen, wird das ein ganz schwieriges Spiel. Da müssen wir von Anfang an voll da sein.







