Als ob die Aufgabe für die Danas ohne die verletzten Felicia Wiedermann (Knie; die EM ist für sie leider gelaufen) und Sonja Zimmermann (muskuläre Probleme; Hoffnung für die nächsten Spiele ist da) nicht schon schwer genug geworden wäre, so wurde sie gegen den Topfavoriten Niederlande nach einem Fehlstart zu einem Ding der Unmöglichkeit. 1:5 stand es am Ende.
Schon nach 30 Sekunden musste Nathalie Kubalski, die wie auf der anderen Seite Josine Koning im Oranje-Tor ihren Turniereinstand erlebte, den Ball das erste Mal aus dem Kasten holen. Gleich beim ersten Angriff hatte sich van der Elst links über die Grundlinie durchgesetzt. Ihren Querpass lenkte Freeke Moes fast unbedrängt aus kurzer Distanz zum 0:1 ein. Und in der 2.Minute brannte es wieder lichterloh im deutschen Kreis. Selin Oruz konnte die gefährliche Szene gerade noch löschen. Die deutsche Sechs war das ganze Spiel über öfter, als ihr lieb sein konnte, als Feuerlöscher im Einsatz, schwang sich in dieser Rolle jedoch zu einer echten Spitzenleistung auf.
Doch leider hatten nicht alle im weißen Deutschland-Dress dieses Feingefühl und gleichzeitig diese Entschlossenheit im Zweikampf wie die erfahrenste DHB-Spielerin bei ihrer sechsten EM-Teilnahme. Und Oruz konnte schließlich nicht überall sein. Kaum hatten die Danas den Ball zum ersten Mal aussichtsreich in den holländischen Kreis gebracht (Strauss wurde nach guter Annahme regelkonform vom Ball getrennt ), da klingelte es schon auf der anderen Seite wieder. Diesmal über rechts fand der Favorit die Lücke. Die Vorlage in die Mitte konnte die deutsche Abwehr nicht befreiend ablenken, und hinten sagte Frederique Matla einfach danke – 0:2 (10.). Fast noch ärgerlicher aus deutscher Sicht war kurz danach das 0:3 (13.), als ein keineswegs zwingend ausschauender Rückhandball von Moes diagonal durch die Abwehr segelte und am langen Pfosten Pien Sanders keine Mühe hatte, Kubalski zu bezwingen.
Wie ein angeschlagener Boxer gingen die DHB-Damen in die erste Viertelpause. Angesichts dieser drei Wirkungstreffer war die sportliche Reaktion absolut bemerkenswert. Denn das deutsche Team zeigte speziell im zweiten Viertel zahlreiche starke Szenen und konnte dem Olympiasieger punktuell richtig weh tun. Hatte schon die tolle Kombination mit Abschlussspielerin Amelie Wortmann eigentlich einen Treffer verdient gehabt (17.), so führte gleich danach die von Oruz herausgeholte erste Strafecke im Folgeversuch zum Erfolg. Lena Micheel überwand mit strammem Schlag Koning zum 1:3 (18.). Kurz danach hätte Landshuts freches Dribbling in den Kreis fast das 2:3 gebracht.
Das Spiel hätte dadurch wirklich noch mal einen neuen Spannungsbogen aufnehmen können. Stattdessen folgte der Spannungskiller in Form des 1:4 (24.). Erneut war von links ein Ball unerklärlicherweise an allen deutschen Brettern vorbei in die Box eingedrungen, wo Jubilarin Pien Sanders (die Oranje-Kapitänin wurde vor Beginn für ihr 150. Länderspiel geehrt) gedankenschneller als alle anderen vollstreckte.

Viel zu jubeln hatten die niederländischen Spielerinnen gegen Deutschland (ganz links Ines Wanner) vor allem in der ersten Halbzeit. Foto Worldsportpics
Der Rückschlag hielt die deutsche Mannschaft nicht davon ab, auch mit zwei Feldspielern weniger den Kampf in der zweiten Halbzeit fortzuführen. Zwei frühe Ecken (beide Micheel-Schüsse wurden pariert oder abgelaufen) ließen hoffen, aber ein weiteres Mal bezwingen ließen sich die Niederländerinnen weder beim Standard noch bei ein, zwei Halbchancen aus dem Spiel heraus. Für ihren mutigen Stil nach vorne wurde das Team von Janneke Schopman hier und da bestraft. Immer wenn die Aktionen nach vorne entweder nicht präzise genug oder manchmal auch ein wenig zu naiv ausgeführt wurden, gab es Ballverluste, die das Oranje-Team mit all seiner Routine in brandgefährliche Konter ummünzte. Nach 40 Minuten hatte die englische Schiedsrichterin Williams bereits Siebenmeter gepfiffen, als Weidemann vor der Linie für die bereits ausgespielte Julia Sonntag (wurde absprachegemäß zur Halbzeit eingewechselt) rettete. Nach VAR-Überprüfung wurde die Entscheidung auf Ecke abgemildert, bei der Jansen zweimal an der deutschen Abwehr hängen blieb.
Trotzdem gab s noch den fünften Gegentreffer, als Marijn Veen ein Zuspiel aufnahm und irgendwie unter Sonntag hindurch in den Kasten mogelte (54.). In den Schlussminuten verpasste Matla das 6:1 ebenso knapp wie auf der anderen Seite Stoffelsma das 2:5. An der zwölften deutschen Niederlage im 14.EM-Spiel gegen die Niederlande änderte das nichts mehr.

Deutschlands "Feuerlöscherin" Selin Oruz (in weiß gegen Xan de Waard) lieferte ein sehr starkes Spiel ab, konnte aber bei der 1:5-Niederlage auch nicht alle Brände löschen. Foto: Worldsportpics
Stimmen
Lisa Nolte: Wir haben leider etwas gebraucht, um ins Spiel zu kommen, aber ab dem zweiten Viertel haben wir den Kampf richtig gut angenommen, sind in unser Spiel gekommen, haben kontaktet und sind mutig nach vorn gegangen. Defensiv war es anfangs nicht gut, aber auch da haben wir uns krass gesteigert. Es war auch extrem wichtig, als Team die Fehler des Einzelnen auszubügeln. Wir haben es geschafft, den Ausfall von zwei Spielerinnen zu kompensieren und athletisch bis zum Ende mitzuhalten. Da können wir uns nichts vorwerfen lassen, nicht alles auf dem Platz gelassen zu haben. Aus dem Spiel können wir extrem viel mitnehmen, auch wenn es sich im ersten Moment hart anfühlt, weil es so eine deutliche Niederlage war.
Selin Oruz: Ich glaube, da ist ganz viel drin, was wir aus diesem Spiel mitnehmen können, Positives wie Negatives. Das deutliche Ergebnis ist natürlich hart, gleichzeitig glaube ich, dass wir bis zum Ende alles gegeben haben. So früh gegen eine Topmannschaft zu hoch zurückzuliegen, macht es sehr schwer, und gleichzeitig machen wir dann den Anschlusstreffer und waren irgendwie nie ganz raus. Aber das Ergebnis spiegelt letztlich wider, dass es heute schon ein Klassenunterschied war. An solch einem Spiel kann die junge Mannschaft super dran wachsen, und auch wenn sich das Ergebnis erst einmal sehr destruktiv und schlecht liest, können auf jeden Fall darauf aufbauen, und so ein Spiel ist im Turnierverlauf auch ganz gut. Am Mittwoch geht es weiter, wir wollen das Spiel gegen Irland natürlich gewinnen, und ich bin mir auch sicher und bin überzeugt, dass wir alle Fähigkeiten auf dem Platz haben, zu gewinnen. Deswegen freue ich mich eigentlich darauf, dass das Turnier mit einem Spiel wie heute nicht vorbei ist, sondern dass es jetzt erst losgeht und wir Mittwoch direkt die Chance haben, es besser zu machen.
Janneke Schopman (Bundestrainerin): Wir können viel besser verteidigen, das weiß ich. Von daher ist es ein bisschen enttäuschend, wie wir gestartet sind. Individuell war es einfach nicht gut. Und da fällt es dem besten Team der Welt natürlich leicht, Tore zu schießen, wenn sie so freigelassen werden. Nach dem 0:3 haben wir es besser gemacht, besser verteidigt, vor allem auch als Team. Ich war froh, dass wir im Spiel geblieben sind und es nicht kampflos verloren gegeben haben. Da haben wir dann gezeigt, dass wir auch die Niederlande unter Druck setzen können, Chancen und Ecken gegen sie kreieren können. Das ist auch wichtig für die Zukunft.







