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Deutsche Damen überstehen Halbfinal-Nervenprobe

In der Neuauflage des EM-Halbfinals von 2023 an gleicher Stätte jubelte diesmal der damalige Verlierer. Deutschlands Damen rangen Belgien nach einem großen Kampf (1:1) im Shoot-out (3:2) nieder. Der Lohn ist der Endspieleinzug, wo es zum achten Mal in der EM-Geschichte gegen die Niederlande um Gold gehen wird (Sonntag, 17 Uhr; live bei Magenta-Sport).

Starkes Ende, aber auch schon starker Anfang aus deutscher Sicht. Kaum waren zwei Minuten rum, konnten die Zuschauer auf den gut zur Hälfte gefüllten Tribünen des Hockeyparks die von Lena Micheel erzwungene erste Strafecke beklatschen. Statt des zu erwartenden Schlages durch Micheel kam Ines Wanner zur Ausführung. Der Überraschungseffekt trat wie erhofft ein. Der bretthohe, wuchtige Schlenzer des EM-Neulings überwand Torhüterin Piccard zum 1:0. Was der Garde um Anne Schröder, Charlotte Stapenhorst, Kira Horn, Viktoria Huse, Cécile Pieper und Nike Rühr, die allesamt in der Halbzeit vom DHB offiziell verabschiedet wurden, vor zwei Jahren 60 Minuten lang beim 0:1 nicht gelungen war, hatte diesmal schon nach drei Minuten geklappt: ein Tor gegen Belgien.

Bundestrainerin Janneke Schopman (in schwarz) und ihre Spielerinnen zeigen ihre Freude nach dem frühen Führungstor im Halbfinale gegen Belgien. Am Ende stand ein deutscher Sieg im Shoot-out. Foto: Worldsportpics

 

Das 0:1 für die nach den Vorrundeneindrücken zumindest als leichter Favorit ins Spiel gegangenen Belgierinnen steckten diese erstmal unbeeindruckt weg. Schon eine Minute später hatte Charlotte Englebert den Ausgleich auf dem Schläger. Ihren harten Rückhandschlag aus acht Metern entschärfte Julia Sonntag mit dem Handschutz reaktionsschnell. Genauso wie die deutsche Keeperin gegen die nach schön durchgestecktem Ball frei vor ihr aufkreuzende Delphine Marien im Abtauchen die Führung rettete (9.).

Das waren im ersten Viertel die zwei schwierigsten Szenen für das deutsche Team, das gegen den viel Druck ausübenden Gegner zwar Mühe hatte, den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten, doch im Zurückerobern der Kugel bemerkenswert viele Erfolgserlebnisse sammeln konnte.

Bis auf einen gefährlichen Querball von der Grundlinie rechts vor den deutschen Kasten (Fuß Belgien/18.) und zwei Strafecken (beide nicht optimal gestoppt und dann abgelaufen/23.) ließ das deutsche Abwehrzentrum um Linnea Weidemann, Hanna Granitzki und Selin Oruz für längere Zeit keine unmittelbare Torgefahr mehr zu. Auch über die Außenspuren war für Belgien gegen Lilly Stoffelsma, Emma Davidsmeyer und die durch ihren Torerfolg sichtlich selbstbewusst auftretende Ines Wanner kein Durchkommen mehr. Nach vorne erarbeitete sich das deutsche Team in der Schlussphase der ersten Hälfte noch zwei Strafecken. Beim ersten Versuch fehlte nicht viel zum 2:0, als ein aus der Ablegerposition von Oruz gespielter Schrubber die vor der Keeperin in Stellung gelaufene Stoffelsma fast erreicht hätte (25.). Und Micheels Eckenschlag wurde abgelaufen (29.). Neben dem Rückstand nahm Belgien noch ein weiteres Negativerlebnis mit in die Pausenkabine: Acht Sekunden vor Ablauf verlor das Team von Rein van Eijk nämlich seinen Videobeweis nach einem vermeintlichen deutschen Stockfoul, das weder vom englischen Schiedsrichter Walker noch von der irischen Videounparteiischen Keogh als solches eingestuft wurde.

Die zur zweiten Halbzeit planmäßig eingewechselte Nathalie Kubalski hatte ihren ersten Einsatz bei einem eher ungefährlichen Schuss von Moors (35.), schon etwas anspruchsvoller war die Parade gegen einen Abschluss von Bonami (45.). Mehr kam im dritten Viertel nicht auf den deutschen Kasten, weil die drängenden Belgierinnen entweder an den guten Brettern der deutschen Verteidigung hängen blieben oder einfach nicht fehlerfrei und zwingend genug in der Offensive kombinierten. So hatte Deutschland die größte Chance des dritten Spielabschnitts, als nach einem belgischen Missverständnis im Mittelfeld plötzlich Lena Micheel steil geschickt werden konnte. Ihr Abschluss aus dem Vollsprint heraus traf die herauseilende Picard (40.).  

Hanna Granitzki (links), Torschützin Ines Wanner und Torhüterin Julia Sonntag klären die brenzlige Situation gegen Belgien gemeinsam. Foto: Worldsportpics 

 

Fünf Minuten nach Beginn des Schlussviertels ereilte das deutsche Team ein doppelter Nackenschlag. Die holländische Schiedsrichterin de Kraker stufte die Unterbrechung eines belgischen Passes knapp innerhalb der Viertellinie als absichtliches Fußspiel von Granitzki ein. Neben der gelben Karte für die deutsche Verteidigerin gab es auch die dritten Ecke. Die daraus entstehende Folgeecke konnte Belgien dann durch Kapitänin Alix Gerniers per Stecher verwandeln. 1:1 (51.) und Deutschland für lange fünf Minuten in Unterzahl.

Die Schützlinge von Janneke Schopman blieben ruhig und verstanden es, sehr geschickt Zeit von der Uhr zu nehmen. Belgien konnte überhaupt kein Powerplay aufziehen. Ein Abschluss von Ballenghien (56.) war einfache Beute für Kubalski, außerdem runde Seite. Als die letzte Spielminute angebrochen war, kassierte erst Struijk nach einem Foul an Zimmermann gelb, und 21 Sekunden vor Ende holte Strauss tatsächlich noch die vierte Ecke heraus. Der zum Stecher geschlagene Ball von Micheel wurde von Belgien entschärft. Es blieb beim 1:1 und musste ins Shoot-out gehen.

Englebert eröffnete und traf aus spitzem Winkel gegen Sonntag, die nach einer Halbzeit auf der Bank nun wieder ins Geschehen eingriff. Zimmermann glich sehr abgeklärt zum 1:1 aus. Dann setzte Ballenghien den Ball ins deutsche Netz, doch die Unparteiischen entschieden auf runde Seite. Schwabe als zweite deutsche Schützin wurde gefoult, Fleschütz nahm sich des fälligen Siebenmeters an und verwandelte eiskalt zur ersten deutschen Führung. Dieses 2:1 hätte fast weiter Bestand gehabt, als Rasirs Abschluss in den Schienen der deutschen Torhüterin hängen blieb. Beim Versuch der Klärung wischte Sonntag am Ball vorbei, so dass sich für die Schützin noch ein Nachschuss ergab, den die Belgierin mit Glück zum 2:2 nutzen konnte. Strauss scheiterte mit der klassischen Ein- und Ausdreh-Variante an Picard. Also alles offen nach drei Durchgängen. Belgien geriet danach unter Druck, als Bonami mit der Rückhand den Kasten verfehlte und Micheel völlig abgezockt zum 2:3 vollstreckte. Als fünfte Belgierin musste Marien treffen. Ihr Rückhandball fand auch den Weg über die Linie, doch sofort forderte die deutsche Torhüterin den Videobeweis.

Als die Zeitlupenbilder über die Videoleinwand des Stadions liefen, wurde aus der gespannten Stille auf den Rängen schnell ein siegesgewisser Anstieg des Geräuschpegels. Was die vielen Hockeyexperten ahnten, wurde von Videoschiedsrichterin Koegh bestätigt: kein gültiges Tor wegen Stockfoul der Schützin, außerdem überquerte der Ball wohl erst einen Wimpernschlag nach Anlauf der acht Sekunden die Torlinie.

Deutschlands Damen hatten sich nach einem tollen Kampf durchgesetzt und erreichten zum zehnten Mal ein EM-Endspiel.

 

Voller Einsatz: Linnea Weidemann war von der belgischen Offensive (hier Ambre Ballenghien) kaum einmal zu überwinden. Foto: Worldsportpics

 

Stimmen

 

Julia Sonntag: Es ist genial, vor solch einer Kulisse ein Shoot-out zu gewinnen. Wir hatten noch eine Rechnung offen mit Belgien, das rumorte in uns. Man hat zwar die ein oder andere mit Notizen präparierte Triunkflasche beim Shoot-out dabei, man kennt die Spielerinnen ja inzwischen, andererseits haben die natürlich auch Informationen von uns. So kommt es doch immer auf das direkte Duell an. Ich fokussiere mich da nur auf den Ball.

 

Linnea Weidemann: Es war so mega wichtig, heute gut zu verteidigen. Wir haben einfach immer daran geglaubt, gerade auch in Unterzahl. Das war der absolute Wille, kein Gegentor mehr zuzulassen und vielleicht sogar noch selber eins zu schießen. Defensiv war es viel besser als gegen Irland, nach vorne hatten wir- das kann man ehrlich sagen – auch heute keinen guten Spielaufbau. Wir können viel mutiger nach vorn spielen. Gute Ansätze und ein paar gute Szenen waren natürlich dabei, sonst hätten wir uns auch nicht durchgesetzt.

 

Sonja Zimmermann: Wir haben bestimmt nicht unser allerbestes Hockey gespielt, aber haben heute komplett unser Herz auf dem Platz gelassen. Das war der Unterschied heute. Es ist sehr gut, dass wir uns auch mal in einem K.O.-Spiel gewinnen konnten, und das mit so einer jungen Truppe. Solche Erfolgserlebnisse schweißen einfach zusammen. Ich glaube, dass wir uns daran hochziehen und es neue Kräfte freisetzen kann, die uns nochmal stärker machen.

 

Emilia Landshut: Das war ein unfassbarer Fight, den wir heute hingelegt haben. Shoot-out ist immer Nervensache, heute hatten wir die stärkeren Nerven. Wir hatten einen coolen Spirit als Team, der hatte gegen Irland manchmal gefehlt. Im Finale haben wir nichts zu verlieren. Es ist eine große Freude, hier nochmal gegen Niederlande spielen zu dürfen.

 

Janneke Schopman (Bundestrainerin): Man weiß nie so richtig, wie die Mädels es umgesetzt bekommen, aber heute war ich begeistert, wie es gelaufen ist. Wir waren die ganze Woche nur mit uns beschäftigt. Wir hatten immer gute Gespräche und wussten immer, was wir tun müssen. Das war heute eine sehr gute Teamleistung. Ich habe den Mädels vor dem Turnier gesagt: Wir müssen das Halbfinale erreichen. Wenn das passiert, wird alles auf Null zurückgestellt. Und ab dann können alle gewinnen. Jetzt stehen wir und die Niederlande im Finale.

Wir haben das Shoot-out sehr gut und lange vorbereitet. Es war schon vor dem Turnier besprochen, welche acht Spielerinnen einen Penalty nehmen können. Auch mit unsere beiden Torhüterinnen war alles besprochen, wer wann spielt und wer Pause hat.

Die Strafe gegen Hanna Graniztzki war meines Erachtens sehr hart. Nach dem Gegentor konnte man fürchten, dass wir danach überrollt würden. Das Gegenteil ist passiert. Wir haben in Unterzahl sogar noch besser gespielt. Wir haben sehr gut verteidigt. Es war eine sehr gute Körpersprache, wir haben positive Energie das ganze Spiel über ausgestrahlt. Ich bin sehr zufrieden.