Olympiasieger gegen Weltmeister, Nummer eins gegen Nummer zwei der Welt – das Finale der 20. Europameisterschaft der Herren hätte nicht hochkarätiger besetzt sein können. Und ein perfekteres Ende war auch kaum denkbar: Im Wohnzimmer des deutschen Hockeysports gelang dem Gastgeber nach 1:1 und dem überzeugenden 4:1 im Shoot-out nicht nur der neunte EM-Titel, sondern auch das bestmögliche Abschiedsgeschenk für den scheidenden Kapitän Mats Grambusch. Nach seinem 218 und letzten Länderspiel durfte der 32-Jährige den Siegerpokal in Empfang nehmen und wurde zudem noch als bester EM-Spieler ausgezeichnet.
Zum neunten Mal standen sich die beiden Erzrivalen in einem EM-Endspiel gegenüber. Nach sechs deutschen Siegen in Folge hatte sich die Statistik zuletzt mit zwei niederländischen Triumphen in die andere Richtung bewegt. Vor knapp 10 000 Zuschauern im restlos ausverkauften Sparkassenpark sah es lange so aus, als ob die holländische Serie einen dritten Strich bekommen könnte. Das Oranje-Team gab der deutschen Mannschaft von Beginn an mächtig Druck. Die DHB-Auswahl konnte weder den Ball lange in ihren Reihen halten noch in einen geregelten Spielaufbau kommen, auch mit Einzelaktionen waren nur punktuell mal ein paar Meter zu machen.

Schiedsrichterin Laurine Delforge, die zusammen mit ihrer irischen Kollegin Alison Keogh als erstes weibliches SR-Gespann ein Herren-EM-Finale leitete, zusammen mit den Kapitänen Thierry Brinkman und Mats Grambusch. Foto: Worldsportpics
Koen Bijen, die brandgefährliche Sturmspitze, hätte sein Team nach sieben Minuten fast in Führung gebracht, als er links an der Grundlinie gegen Schwarzhaupt den Ball behauptete und ihn nach einem kleinen Zieher auch noch durch die Beine von Torhüter Danneberg mogelte. Vom langen Pfosten sprang die Kugel zurück ins Feld. Auch bei Brinkmans Rückhand (14.) und beim Diver von Pieters (15.) war höchste Gefahr angesagt.
Deutschland konnte erst nach 20 Minuten nach einem Struthoff-Lauf erstmals einen Hauch von Torgefahr erzeugen. Hellwig holte dann die erste deutsche Ecke heraus, aus der sofort die zweite wurde (22.). Beide Peillat-Schüsse wurden geblockt. Nach 26 Minuten kam auch das Team von Jeroen Delmee zur ersten Ecke. Standardschütze Janssen saß gerade auf der Bank, also durfte Tijmen Reyenga ran. Als dem Schützen der Ball beim Anziehen zum Schlenzer ein wenig aus dem Schläger rutschte, dachte wohl jeder, dass die Gefahr schon gebannt sei. Der Überraschungseffekt war umso größer, als Reyenga in der Not die Kugel einfach Richtung Tor schrubbte und Danneberg samt seiner Nebenleute wortwörtlich auf dem falschen Fuß erwischte. Der Titelverteidiger führte und brachte das 1:0 auch in die Pause, weil Peillat mit seinem dritten Eckenschlenzer nicht an Torhüter Meijer vorbeikam (29.).
Die klaren Vorteile der starken Holländer setzten sich auch nach der Halbzeit erst einmal fort. Gleich nach 30 Sekunden brannte es lichterloh im deutschen Kreis. Es kam zu einer Serie von vier Ecken. Diesmal war Jansen zur Stelle, fand dreimal in Danneberg und einmal an Herausläufer Ludwig seine Meister.
Nach vorne ging bei Deutschland erst zum Ende des dritten Viertels wieder ein bisschen was. Letztlich hatten die nicht nur offensiv starken Holländern auch in der Abwehr alles im Griff. Das bis dahin noch relativ verhaltene Publikum spürte, dass ihre Mannschaft einen Push von außen brauchte und stimmte lautstarke „Deutschland“-Sprechchöre an. Es half.
Das letzte Viertel war noch keine Minute alt, da schafften die Hausherren tatsächlich den Ausgleich. Lukas Windfeder (auch für ihn war es mutmaßlich der letzte Auftritt im Nationaltrikot) hatte mit einem Diagonalball einen Weg von rechts hinten nach links vorne gefunden. Justus Weigand nahm das Zuspiel im holländischen Viertel an, drehte sich zu seiner rechten Seite und setzte dann aus ziemlich spitzem Winkel eine Rückhand ab. Torwart Meijer hätte den nicht zu harten Schuss womöglich ohne Probleme pariert, doch wurde er von seinem Abwehrchef Balk und dessen Eingreifversuch so irritiert, dass der Ball schließlich durch seine Beine im langen Eck die Linie passierte.
Schiedsrichterin Keogh erkannte zwar zunächst auf Tor, ließ aber sogleich Videoschiedsrichterin Williams (die ordentlich zu tun bekam in diesem Finale) die Szene überprüfen. Tatsächlich ergaben die Bilder, dass der Ball in dem Moment auf die Kreisrandlinie gelangt war, als er von Weigands Schläger getroffen wurde – also Tor (46.)!

Jubel bei der deutschen Mannschaft, die den Ausgleich durch Justus Weigand feiern kann. Foto: Worldsportpics
Der kostbare Ausgleich wäre fast postwendend wieder weg gewesen, wenn Pieters eine Flanke von van Heijningen am langen Posten aus zwei Metern in den leeren Kasten und nicht knapp daneben gelenkt hätte. Und nach 48 Minuten bekam Holland nach einem deutschen Ballverlust im Mittelfeld erneut eine dicke Gelegenheit zum 2:1. Hoedemakers setzte den Ball frei vor Danneberg am Kasten vorbei. Ganz ohne Folge blieb die Szene aber nicht für Deutschland. Schiedsrichterin Delforge stellte Windfeder mit gelb vom Platz, weil er in Passgeber Brinkman hineingerutscht war (48.). Die fünfminütige Unterzahl überstanden die Schützlinge von André Henning erstaunlich gefahrlos. Immer war irgendwo ein Brett oder ein geschicktes Tackling dazwischen. Moritz Ludwig tat sich hier besonders bemerkenswert hervor.
Aus der Unterzahl wurde nach der 52. Minute plötzlich eine kurze Überzahl. Kaum war Windfeder zurück von der Strafbank, wurde diese von Hollands Croon nach grüner Karte belegt. Deutschland konnte sein Powerplay besser zur Geltung bringen. Große überwand mit 3D-Dribbling rechts an der Grundlinie ein paar gegnerische Bretter und legte vor den Kasten, wo Hartkopf den Ball leider nicht richtig traf. Es war die beste deutsche Torgelegenheit (56.). Die in dieser Situation gegebene Strafecke (Stockschlag gegen Große) wurde vom VAR genauso einkassiert wie auf der Gegenseite bei Brinkmans Abschluss ans Bein von Windfeder. Der niederländische Kapitän hatte die runde Seite benutzt (58.). Nachdem quasi mit dem Schlusspfiff Bijen noch einmal haarscharf an einer Flanke vor den deutschen Kasten vorbeirutschte, war Schluss.
Wie vor einem Jahr in Paris war nach 60 Minuten kein Sieger gefunden. Es ging ins Shoot-out. Auf deutscher stand mit Jean Danneberg der gleiche Keeper wie im Olympiafinale zwischen den Pfosten – und doch war es eine andere Art des Verteidigens. Bei allen holländischen Schützen ging Danneberg viel proaktiver als gewohnt ins Duell. Gegen Croon (brachte den Ball deshalb erst nach den acht Sekunden im Tor unter) und vor allem van Dam (mit der Rückhand rausgefischt) hatte der deutsche Torhüter damit vollen Erfolg, auch gegen Brinkman wäre der Plan fast aufgegangen. Es entstand in dieser Szene dann ein Foul mit Siebenmeterfolge. Janssen verwandelte und sorgte damit für das 1:3, denn alle deutschen Schützen waren makellos und sicher unterwegs. Weigand mit dem 1:0 aus der Drehung, Struthoff etwas unorthodox, aber ebenfalls erfolgreich zum 2:0 und Müller eiskalt zum 3:0. Als vierter deutscher Schütze konnte Prinz alles klarmachen. Auch sein Zieher samt verzögertem Abschluss war zu gut für Meijer – 4:1 und Ende.
Der Hockeypark geriet ins Beben und feierte noch lange seine Helden. Deutschlands Herren hatten in ihrem 13. EM-Endspiel zum neunten Mal gewonnen und verteidigten ihren Nimbus als Rekordeuropameister. Der niederländische Traum vom Titel-Hattrick war geplatzt.

Torhüter Jean Danneberg, hier mit Schiedsrichterin Alison Keogh, hatte mit seinem Shootout-Schläger (etwas länger als die normalen Spielgeräte) viel Erfolg. Foto: Worldsportpics
Stimmen
Moritz Ludwig: In der ersten Hälfte waren wir ein bisschen unterlegen, Holland hat sehr gut gepresst und gutes Hockey gespielt. Aber wir haben in den entscheidenden Situationen ganz gut verteidigt und am Ende unsere Qualitäten durchgesetzt. Zum Spielende hatte wir schon das 2:1 auf der Kelle, und beim Shoot-out war einfach die Überzeugung da, es zu schaffen.
Justus Weigand: Wir hatten ein paar schwierige Momente und Phasen in diesem Finale, aber haben sie gut überstanden. Mein Tor kam zur richtigen Zeit, weil die Holländer drauf und dran waren, das 2:0 zu schießen. Nach dem 1:1 haben wir ein gutes Spiel gemacht, zwar mit wenigen eigenen Chancen, aber mit guter Verteidigung. Die Stimmung im Stadion hat uns immens gepusht, vor allem in der Unterzahlphase hat die Unterstützung von draußen viel geholfen.
Jean Danneberg: Das Stadion ist unglaublich laut, das verleiht einem unheimlich viel Energie. Heute ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Mir ist es auch egal, wer Gegner in diesem EM-Finale ist, für mich war das auch keine Olympia-Revanche. Wer in ein Shoot-out ohne Zuversicht reingeht, der macht auch grundsätzlich etwas falsch. Ich glaube da immer daran, gewinnen zu können. Ich habe ein bisschen was an meiner Strategie beim Shoot-out geändert. Solch einen Überraschungseffekt muss man nutzen. Als Thies dann zum Matchball antrat, habe ich schon ein warmes Gefühl bekommen. Unsere Schützen haben das heute mit voller Überzeugung gemacht.
Michel Strutrhoff: Wenn man Jean hat, der vorher die ganzen Dinger hält, ist es ein bisschen leichter, selber anzulaufen. Ich wollte eigentlich gar nicht auf ie Rückhand gehen, habe mich dann spontan umentschieden.
Mats Grambusch: Man muss ehrlich sagen, dass das ein schwaches Spiel von uns war. Ich fand Holland heute deutlich stärker, defensiv und vor allem auch offensiv sehr stark. Es war gut, dass wir trotzdem immer weitergemacht und versucht haben, Lösungen zu finden. Trotzdem sind wir nie so richtig in den Spielfluss gekommen. Nach dem 1:1 wurde es besser, und ganz zum Schluss hat sich dann beim Shoot-out unsere Qualität sowohl bei den Schützen als auch beim Torwart durchgesetzt. Beim Shoot-out wäre ich als Schütze bereitgestanden, habe mich aber nicht in den Vordergrund gedrängt.
Heute morgen um 6.30 Uhr saß ich mal für eine Weile kerzengerade im Bett und habe vor Augen gehabt, dass es in ein paar Stunden mein letztes Spiel im Nationaltrikot wird. Aber während des Finals konnte ich mich voll aufs Spiel konzentrieren. Erst später werde ich wohl eine Träne verdrücken. 14 Jahre internationales Hockey gehen zu Ende. Solch einen Abschluss hätte ich mir nicht schöner ausmalen können, ein absoluter Traum. Dass ich bester EM-Spieler gewesen sein soll, sehe ich nicht so. Aber solch eine individuelle Auszeichnung ist mir auch noch nie so wichtig gewesen wie der Sieg mit der Mannschaft.
André Henning (Bundestrainer): Wir waren in der ersten Halbzeit zu zahnlos. Gegen dieses absolute Weltklassepressing mit Sternchen, das die Holländer aufgezogen haben, kommst du nur durch, wenn du mutig spielst. Das ist unter dem Druck schon extrem schwierig gewesen. In der Kabine haben wir dann unseren Mut wiederentdeckt und dann auch in der zweiten Halbzeit durchgesetzt. Wenn Rapha Hartkopf den Ball richtig trifft, machen wir das 2:1, in dieser Phase wäre das nicht unverdient gewesen. Hut ab vor der Leistung der Mannschaft, das ist höchst beeindruckend. Jean war nicht nur im Shoot-out, sondern schon im Spiel herausragend. Gegen starke Holländer brauchst du einen herausragenden Torwart. Das ist heute eines der schönsten Hockey-Erlebnisse unseres Lebens. Der EM-Titel steht für mich gerade ganz oben im Regal, weil so ein Heimevent ihn so besonders macht. Wir werden das in unserem Hockeyleben so wahrscheinlich nicht mehr bekommen.







