Das Wort Krise bezieht sich nicht auf den Tabellenplatz und auch nicht auf die errungenen Punkte. Mit 18 Zählern aus acht Spielen und Rang zwei liegen die Damen des Harvestehuder THC nämlich voll auf Kurs. Was beim amtierenden Deutschen Meister HTHC gerade nicht so optimal klappt, ist das Toreschießen. In den letzten vier Bundesligaspielen schossen die Schützlinge von Cheftrainer Tobias Jordan kein einziges Feldtor. Dabei trat die Mannschaft vom Vossberg gerade in den jüngsten Partien beim Münchner SC (0:0) und zu Hause gegen den Bremer HC (1:1) extrem dominant auf. Über das Missverhältnis zwischen Auftreten und Resultaten führte DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt ein Interview mit dem 33-Jährigen. Auch wie das im Schnitt junge HTHC-Team mit dem überraschenden Erfolg vom Mai 2025 umgeht, ist ein Gesprächsthema gewesen.
Herr Jordan, Sie mussten in beiden Spielen an diesem verlängerten Wochenende in das Shoot-out. Beschreiben Sie doch kurz die Spiele in München und gegen Bremen. Warum hat es zu keinem Sieg in 60 Minuten gereicht?
TOBIAS JORDAN: Das Wochenende verlief nicht ganz wie erhofft für uns, und trotzdem sind es vier von sechs Punkten geworden und der zweite Tabellenplatz. Bundesligaspiele beim MSC und gegen den Bremer HC sind nie einfach und unangenehm. Wir waren in beiden Spielen die klar spielbestimmende Mannschaft und haben sehr viel richtig gemacht, leider aber das Toreschießen vergessen. Das ärgert uns extrem, weil wir uns für zwei gute Spiele nicht komplett belohnen konnten. Daher überwiegt heute das Gefühl, dass wir zwei Punkte verloren haben. Natürlich hat mit Laura Saenger eine sehr wichtige Spielerin in München gefehlt, aber das darf nicht unsere Ausrede sein. Wir hatten mit 13 Ecken und vielen Chancen aus dem Spiel genügend Möglichkeiten, das Spiel am Freitag zu gewinnen.
Ein solches Auswärts/Heim-Wochenende mit einem Spiel am Freitag um halb zwei in München und Sonntagmittag in Hamburg ist ja auch logistisch eine Herausforderung - wie haben Sie das gemacht? Reist man am Donnerstag an und hat eventuell noch Zeit für die Wiesn?
Am liebsten reise ich einen Tag vorm Spieltag an, damit die volle Konzentration auf das Spiel liegt und man nicht die ganze Zeit mit der Anreise beschäftigt ist. Diesmal sind wir am Freitagmorgen aus Hamburg geflogen und abends wieder mit dem Flieger zurück. Durch die Wiesn sind die Hotelpreise in München explodiert, weswegen wir uns für das gleichteure Fliegen entschieden haben. So konnten wir uns am Samstag wenigstens regenerieren. Ein Riesendank kann man nur unserer Teammanagerin Bettina Schäfers und ihren Mann aussprechen, die die Hockeytaschen der Mädels mit dem Auto nach München gebracht haben. So schön die Wiesnzeit sicherlich für alle in München ist: Nächstes Jahr kommen wir gerne außerhalb der Wiesnzeit und dann wieder mit dem Zug. Auf der Wiesn waren wir also nicht.

HTHC-Cheftrainer Tobias Jordan (links) im Taktikgespräch mit Co-Trainer Dawid Zimnicki (rechts). Die aktuellen Abschlussschwierigkeiten ihres Damenteams beschäftigen die beiden Übungsleiter des DM-Gewinners 2025. Foto: S.Müller
Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf und worin sehen Sie im Moment die größten Stellschrauben?
Wir sind Tabellenzweiter nach acht Spieltagen, haben hohe Ansprüche an uns selbst. Aber natürlich sind wir mit dem zweiten Platz aktuell zufrieden, wissen aber auch, dass es jede Woche hart wird und jetzt mit Mannheim und Düsseldorf zwei gute Mannschaften kommen. Aber auch da wollen wir punkten. Im Leben eines Trainers gibt es wahrscheinlich kein perfektes Spiel, und die letzten vier Spiele, aus denen wir „nur“ sechs Punkte geholt haben, zeigen, dass wir im Kreis kaltschnäuziger werden müssen. Wir waren allein in den beiden letzten Spielen 90 Mal im gegnerischen Kreis und schießen nur ein Tor.
Hat sich etwas verändert mit dem deutschen Meistertitel für den HTHC, zum Beispiel wie die Gegner die Harvestehuder Damen jetzt wahrnehmen?
Das müsste man unsere Gegner fragen. Wir sind alle realistisch genug, um einschätzen zu können, wo wir stehen und wo wir noch hinwollen. Die Favoriten auf den Titel sind weiter Mannheim und Düsseldorf, und das weiß auch jeder in der Liga. Wenn man mich fragt, ob sich was geändert hat: Man hört jedes Wochenende auf den gegnerischen Anlagen, dass der deutsche Meister zu Gast ist. Ansonsten spüren wir keinen großen Unterschied zur letzten Saison.
Und in der eigenen Wahrnehmung - empfinden die jüngeren Spielerinnen den Titel als Ansporn oder eher als Bürde?
Auch da müsste man wahrscheinlich die Mädels persönlich fragen. Wir haben in der Mannschaft natürlich den Titel genossen und standesgemäß gefeiert, aber auch noch in der Vorbereitung gesagt, dass es jetzt Vergangenheit ist und wir wieder bei Null starten. Ich behaupte aber, dass der Titel eher Ansporn ist, wieder ein Final4 spielen zu dürfen. Viele aus der Mannschaft, inklusive des Staffs, haben das erste Mal ein Feld-Final4 gespielt. Da wollen wir gerne wieder ein Teil von sein. Das wollen aber genügend andere Teams auch, daher müssen wir uns das erst wieder hart erarbeiten.

Tobias Jordan - eine leicht grimmige Miene während des Spiels gehört beim HTHC-Damencoach fast schon zum Markenzeichen. Foto: Tischler
Ist etwas - und wenn ja, was - im HTHC nach dem Titelgewinn Ende Mai 2025 passiert? Geht man zum Beispiel anders an die Saison danach heran?
Nein, wie eben schon erwähnt können wir das ganz gut einordnen, und jetzt alles anders zu machen wäre falsch. Ich bin vor einem Jahr nach Hamburg gekommen, und ich möchte die gute Vorarbeit von Lucas Lampe und Michael Green in der Jugend und Paul Pongs als meinem Vorgänger als Damentrainer fortsetzen. Dazu gehören natürlich noch wahnsinnig viele andere wichtige Menschen, die man hier nicht alle aufzählen kann. Wir haben eine gemeinsame Idee, wollen diese mit Leben füllen und erfolgreich sein, ohne die HTHC-Identität zu verlieren. Dazu gehört, dass wir nicht jedes Jahr die Mannschaft erneuern, sondern punktuell verstärken und unseren Spielern Vertrauen schenken. Das zahlt sich bisher aus.
Auch wenn es noch lang hin ist: Wie groß ist der Glaube, dass Sie und Ihre HTHC-Damen am Ende der Saison wieder ganz oben stehen können?
Da wird mir ja unterstellt, dass ich das glaube. Ich würde es am Ende sehr gerne wiederholen, aber nochmal: Wir sind nicht der Favorit und auch nicht bei Wünsch-Dir-Was. Wenn wir aber zum richtigen Moment bei den K.O.-Spielen wieder performen, effektiv im Kreis sind und vorneweg ordentlich und kompakt verteidigen, dann wird sich keine Mannschaft freuen, gegen uns in einem K.O. Spiel zu stehen.
Vielen Dank für das Gespräch!







