Es war zweifellos eine große Überraschung, als der Mannheimer HC im Sommer Sofie Gierts als neue Trainerin der MHC-Bundesliga-Damen präsentierte. Auch die Belgierin hatte, wie sie im Gespräch mit DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt erzählt, bestimmt nicht damit gerechnet, in der Feldsaison 2025/26 in Deutschland zu arbeiten. Aber die ehemalige Nationalspielerin (140 A-Länderspiele bei den „Red Panthers“) hat das Angebot dann „einfach nicht ablehnen“ können und sich der Herausforderung gestellt. Warum sie in den ersten Wochen trotzdem mehr in Belgien als in Mannheim war, wo sie den Kern ihrer Trainerarbeit mit der zumindest der Tabelle nach besten deutschen Damentruppe sieht, wie ihre ersten Einschätzungen über die Bundesliga lauten und warum sie in der Hallensaison das Zepter an ihren Co-Trainer Jörn Henkel übergibt, schildert Sofie Gierts (46) nachstehend ausführlich.
Frau Gierts, Sie haben diese Saison beim Mannheimer HC als Cheftrainerin begonnen. Wie kam es dazu, dass Sie dort angefangen haben zu arbeiten, wie hat sich das alles ergeben?
Sofie Gierts: Das ging alles sehr schnell und war sehr überraschend. Ich weiß nicht genau, wie mein Name in Mannheim gefallen ist. Ich bin ja auch Educator für die FIH, daher ist das Trainernetzwerk ziemlich groß, und ich denke, das könnte einer der Gründe sein. Ich hatte überhaupt nicht vor, dieses Jahr als Trainerin zu arbeiten, schon gar nicht in Deutschland, aber das Angebot kam Ende Juli, und ich konnte es einfach nicht ablehnen – angesichts des Vereins, der Spielerinnen und der bevorstehenden Herausforderung. Und ich liebe Herausforderungen einfach. Doch damals kam es wirklich sehr überraschend und aus heiterem Himmel.
Hatten Sie eine Vorbereitungszeit mit dem Team?
Nein. Eigentlich habe ich Hockey immer mit einem Job in der Wirtschaft kombiniert, ich bin Beraterin für Kommunikation und Marketing, und ich wollte auch meinen Vertrag in Belgien erfüllen, der noch lief. Ab Juli war ich nicht mehr in Mannheim, obwohl ich, wenn möglich, bei allen Spielen dabei war, aber eigentlich habe ich erst im Oktober wirklich mit der Arbeit auf dem Spielfeld, dem Training usw. begonnen, quasi nur im letzten Monat.
War das der Grund, warum Sie im September bei einigen Spielen gefehlt haben?
Ja, weil die Entscheidung so spät fiel. Ich wollte meinen Arbeitsvertrag nicht brechen, und da es beim Mannheimer Hockey Club viele Mitarbeiter gibt, viele Leute, die helfen können und alle dazu bereit waren, haben wir eine Lösung gefunden. Ich habe einen fantastischen Co-Trainer, Jörn Henkel, und Alex Rupp für Kraft und Kondition, die mit der Mannschaft arbeiten. Das hat wirklich gut geklappt.
Hatten Sie eine Pause vom Hockey, bevor Sie bei Mannheim angefangen haben?
Nein, ich habe bis zur letzten Saison Mannschaften trainiert. Die letzten vier Jahre habe ich die Herrenmannschaft von Uccle Sport in Brüssel in der höchsten belgischen Liga gecoacht. Dann habe ich dort aufgehört, und Mannheim hat mich angerufen. Anfangs war ich unter der Woche nicht da, aber am Wochenende habe ich natürlich versucht, zu den Spielen zu reisen.
Sie sind also erst seit einem Monat bei der Mannschaft – wie beurteilen Sie die Zeit?
Es ist eine Mannschaft voller Talente. Wir haben einige der besten Spielerinnen Deutschlands und viele gute Spielerinnen. Es war interessant zu sehen, wie sie arbeiten, was sie tun. Natürlich bin ich nicht gekommen, um alles zu verändern – das ist in einer Spitzenmannschaft auch nicht nötig –, aber dieser Monat hat mir einen besseren Einblick in die Persönlichkeiten und Charaktere der Mannschaft gegeben. Bei diesem Team geht es nicht darum, ihnen beizubringen, wie man Hockey spielt, sondern vielmehr, wie man mit schwierigen Momenten umgeht, wie man mit Fortschritten umgeht, wie man mit Veränderungen umgeht. Denn um Fortschritte zu machen, muss man sich verändern – und das ist spannend, weil ich sie erst ein wenig kennengelernt habe. Es war also eine ziemlich interessante Zeit für mich und auch für sie.

Mannheims argentinische Spielmacherin Lucina von der Heyde (Nr. 2; hier im letzten Herbstrundenspiel beim Düsseldorfer HC, in weiß von links Lisa Nolte, Selin Oruz und Friederike Heusgen) wird MHC-Trainerin Sofie Gierts zur Hockey India League im Januar nach Indien begleiten. Foto: Kramhöller
Was würden Sie sagen, ist Ihr Schwerpunkt oder Ihr Ansatz als Trainerin?
Nun, das ist ein bisschen schwierig, denn auch wenn wir Nachbarn sind, ist es eine andere Kultur, eine andere Dynamik. Außerdem komme ich aus dem Männerhockey – das ist nochmal eine andere Dynamik –, also muss ich mich ein wenig anpassen, ihnen zuhören, was sie wollen, was sie brauchen, und ihnen manchmal auch ein wenig mehr geben, damit sie Fortschritte machen. Aber im Allgemeinen würde ich sagen, dass das deutsche Hockeysystem auf einem sehr sicheren Spiel ohne großes Risiko basiert. Das ist meine Beobachtung – ich weiß nicht, ob ich Recht habe oder nicht –, aber ich denke, wenn man so gute Spieler hat, muss man ein bisschen mehr Risiko eingehen, um Fortschritte zu machen. Natürlich ist das Eingehen von Risiken nur vorübergehend, denn dann wird es wieder normal und zur Gewohnheit. Es geht also darum, sie zu pushen und Risiken einzugehen, sie dazu zu bringen, das Spiel ein bisschen aktiver und offensiver zu gestalten. Ich würde sagen, dass dies im Grunde genommen die Schwerpunkte sind, an denen ich derzeit arbeite.
Wie ist denn Ihr Eindruck von der deutschen Bundesliga bisher?
Der allgemeine Eindruck von der Bundesliga ist, dass es sich um eine starke Liga mit Mannschaften handelt, die über ein hohes Grundniveau und gute, solide Strukturen verfügen. Sie basiert auf Sicherheit in der Taktik und geringe Risikobereitschaft. Daher ist es schwierig, unter diesen Voraussetzungen eine große Anzahl an Toren und unerwartete Ergebnisse zu erzielen.
Was gefällt Ihnen derzeit an Ihrem Team?
Mir gefällt die Vielfalt in unserem Team, denn wir haben noch drei Argentinierinnen und eine Spanierin, während alle anderen Spielerinnen aus Deutschland kommen. Das bedeutet, dass wir eine gute Mischung verschiedener Kulturen haben – denn ich denke, je vielfältiger das Team ist, desto überraschender kann man spielen. Mir gefallen diese Unterschiede im Spielstil, aber auch in den Charakteren, denn eine Argentinierin unterscheidet sich meiner Meinung nach ziemlich von einer deutschen Spielerin. Das zu sehen ist wirklich interessant. Und was mir auch gefällt, ist, dass diese Mädels das Hochleistungsumfeld gewohnt sind und sehr professionell sind, so wie man als Hockeyspielerin professionell sein kann. Es ist ein wirklich gutes Umfeld im Verein. Da ich selbst aus einer anderen Kultur komme, ändern sich natürlich Dinge, und wir müssen uns ein wenig aneinander anpassen.
Hatten Sie vor Beginn der Saison ein bestimmtes Ziel oder wollten sie den Saisonteil jetzt als Kennenlernphase nutzen?
Mein Ziel vor dem Winter war es, einige weitere Werkzeuge in den Werkzeugkasten mit aufzunehmen – neue Werkzeuge – und nicht nur das zu tun, was man immer getan hat, sondern verschiedene Dinge hinzuzufügen, um für die EHL bereit zu sein und um für die Play-offs am Ende der Saison bereit zu sein. Ich wollte etwas hinzuzufügen, das wir nutzen können – wir wissen nicht, ob es notwendig ist –, aber um ein bisschen überraschender sein zu können, weil unsere Bandbreite der Möglichkeiten größer ist. Denn bei diesem Team gibt es kein „Ziel“, würde ich sagen – sie sind die beste Mannschaft. Es gibt also nur einen Weg, um in dieser Saison erfolgreich zu sein. Aber es liegt an uns, uns vorzubereiten und sicherzustellen, dass wir alle Werkzeuge bereit haben, wenn wir sie brauchen.
Sind Sie zufrieden damit, wie es bisher gelaufen ist?
Ja, auf jeden Fall. Das ist natürlich der Vorteil, wenn man mit Talenten dieses Kalibers arbeitet: Wenn man neue Dinge einführt, passen die Spielerinnen sich sehr schnell an.

Als Spielerin gehörte Sofie Gierts (rechts) neben ihrem Heimatverein Royal Antwerpen auch dem Club de Campo Madrid (Spanien) und Push Breda (Niederlande) an und wurde als Hallenspielerin beim Rüsselsheimer RK (1999/2000) Deutsche Meisterin und Europacupgewinnerin. Foto: privat
Und sind Sie auch mit der Leistung zufrieden?
Ja, das ist meiner Meinung nach der schwierigste Teil. Ich würde mir wünschen, dass sie es etwas schwerer haben, damit sie schneller Fortschritte machen. Aber das kann man natürlich nicht wirklich simulieren – obwohl wir es in neuen Systemen, die wir spielen wollen, simulieren. Wir simulieren es, indem wir die Positionen der Spieler ändern; manchmal simulieren wir es, indem wir den Torwart im Training herausnehmen. Es ist also sehr pragmatisch und sehr rational. Ich hätte gerne etwas mehr schwierige Momente im Wettkampf in Bezug auf die Emotionen – aber das hängt natürlich mit den Ergebnissen zusammen. Und bisher haben wir ja eigentlich nur gute Ergebnisse. Das ist kein schwieriger Moment, jedoch gibt uns das dennoch Energie. Eine gute Leistung und ein gutes Ergebnis sind für mich zwei verschiedene Dinge. Wenn ich mir zum Beispiel das letzte Spiel gegen Düsseldorf anschaue, war die Leistung nicht für die Mannschaft insgesamt großartig. Aber schlecht zu spielen oder nicht auf höchstem Niveau zu spielen und trotzdem ein solches Spiel zu gewinnen, ist auch eine Stärke. Damit bin ich also auch sehr zufrieden.
Kann der echte Test also nur in der EHL stattfinden?
Das wäre wahrscheinlich der erste große Test, weil man gegen verschiedene Spielweisen, verschiedene Gegner und ausschließlich Teams mit hohem Niveau antritt. Also ja, es ist möglich – wir werden es dann sehen.
Sie hatten vor dem letzten Wochenende einige Verletzungen zu beklagen, aber keine Verletzungen bei wichtigen Spielern?
Ja, wir hatten Fiona Felber, die eine Gehirnerschütterung hatte und nun drei Wochen ausfällt. Julia Hemmerle hatte Probleme mit ihrem Fuß, wir hatten einige kleinere Verletzungen, aber wir müssen glücklicherweise kein Risiko eingehen. Wir ziehen es vor, den Spielerinnen Ruhe zu gönnen. Wir haben genug Spielerinnen und genug Qualität, und es ist auch ein Luxus, dass sie nicht spielen müssen. Das gibt anderen Spielerinnen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, was ebenfalls notwendig ist.
Werden Sie in der Hallensaison bei der Mannschaft bleiben?
Jörn Henkel wird in der Hallensaison Cheftrainer sein, da ich diesen Winter eine Mannschaft in der Indian Hockey League coachen werde. Das war bereits geplant, bevor Mannheim mich angerufen hat, also werde ich im Januar in Indien sein.
Das klingt fantastisch. Welches Team werden Sie trainieren?
Die Frauenmannschaft der Delhi SG Pipers. Sie waren auch letztes Jahr schon in der Liga. Deshalb habe ich auch die beiden Spiele in Hamburg verpasst – ich war in Indien für die Auktion. Wir haben unser Team jetzt ersteigert; der Kader ist nun komplett. Es ist eine Mischung aus australischen Spielerinnen, argentinischen Spielerinnen und sehr guten indischen Spielerinnen. Und ja, die Herausforderung ist dort noch größer – mit wieder anderer Kultur und Arbeitsweise. Aber es ist eine ganz andere Situation. Es sind nur drei Wochen: Die Spielerinnen fliegen ein, und fünf Tage später spielt man das erste Spiel. Das ist sehr ungewohnt, aber für mich sehr spannend, dabei zu sein – weil es wichtig ist für das Frauenhockey in Indien, aber auch für den Rest der Welt. Es ist wichtig zu zeigen, dass es möglich ist, neben all den Männerteams dabei zu sein.
Gibt es deutsche oder belgische Spielerinnen?
Nein, weil die Nationalmannschaften ihnen die Teilnahme nicht erlauben. Das ist ein bisschen schwierig. Aber eine Spielerin aus Mannheim wird dabei sein: Lucie von der Heyde. Sie wird in Indien spielen, aber nicht in meiner Mannschaft.
Vielen Dank für das Gespräch!







