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„Es gelingt uns, ein Vielaugenprinzip für eine größtmögliche Objektivität zu gewährleisten“

Dass sich in der Nachwuchssichtung im deutschen Hockey etwas verändert hat, ist hinlänglich bekannt und wurde zuletzt wieder einmal in der Deutschen Hockey Zeitung thematisiert, als wir über das Fehlen von offiziellen Turnierbeobachtern beim Ü16-Länderpokal in München geschrieben hatten. Dieser Sachverhalt war letztlich auch der Ausgangspunkt für dieses Interview mit Akim Bouchouchi (Bundestrainer Wissenschaft) und Valentin Altenburg (Chefbundestrainer Nachwuchs). Die beiden Strategen des Deutschen Hockey-Bundes stellen sich den Fragen von DHZ-Redakteur Uli Meyer und erläutern dabei die Hintergründe des von ihnen vorangetriebenen Systemwandels.

 

„Wir haben den Auftrag, Erfolge der Nationalmannschaften auch in der Zukunft wahrscheinlich zu machen. Mit diesem Auftrag haben wir die Talentsichtung und -Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten etabliert hat, auf den Prüfstand gestellt, denn es haben sich doch viele Rahmenbedingungen geändert“, leiteten Bouchouchi (50; als Bundestrainer Wissenschaft verantwortlich für die Implementierung von wissensbasierten Erkenntnissen und Innovationen in die Praxis sowie für die Überprüfung und Standardisierung von Prozessen und Konzeptionserstellung) und Altenburg (45; als Chefbundestrainer Nachwuchs verantwortlich für die strategische sportfachliche Ausrichtung der Nachwuchsmannschaften, sowie für die Talentsichtung und -entwicklung und die Führung der Nachwuchstrainer) die Thematik ein.

             

Akim Bouchouchi (links) und Valentin Altenburg (rechts) nehmen Stellung zu Fragen der Talentsichtung. Fotos: Worldsportpics

 

Hallo die Herren, zuletzt gab es keine DHB-Sichter bei den deutschen Jugend-Meisterschaften und dem Länderpokal. Warum wurde diese fast schon traditionelle Maßnahme des DHB, diese beiden Turniere für die Talentsichtung zu nutzen, jetzt verändert?

AKIM BOUCHOUCHI / VALENTIN ALTENBURG: Traditionelle Wettkampfformate ermöglichen zwar leistungsbezogene Beobachtungen, bilden jedoch entwicklungsorientierte Sichtungsaspekte nur eingeschränkt ab. Notwendige Bedingungen für eine wissenschaftliche fundierte Talentsichtung werden hier außen vorgelassen. Zumal durch Qualifikationsrunden nicht alle interessanten Spieler an den Formaten teilnehmen durften. Daher ist uns wichtig, dass unsere Sichtungsformate die folgenden Anforderungen an eine wissenschaftliche fundierte Talentsichtung erfüllen:

 

Anforderungen für Sichtungen

  • Alle Talente können teilnehmen
  • Die Spieler haben ausreichend Raum sich zu zeigen
  • Die Spieler können sich innerhalb der Maßnahmen entwickeln
  • Werte und Inhalte der Nationalmannschaften werden abgebildet
  • Bewertungen erfolgen anhand festgelegter Kriterien und von mehreren Trainern
  • Die Talente bekommenen zeitnah ein individuelles und kompetenzorientiertes Feedback.

In den letzten Jahren konnte der DHB-Leistungssport in Zusammenarbeit mit den Landestrainern zwei eigene Formate entwickeln, die qualitative und quantitative Anforderungen an eine Talentsichtung deutlich besser berücksichtigt. Aus den Eindrücken der beiden Maßnahmen wird der Kader für die DHB-Zentralsichtung gebildet und im Anschluss der NK2 Kader (U16) bestimmt. Die bisherigen Evaluationen weisen auf eine hohe Aussagekraft der beiden Formate hin. Daher gehören Länderpokale und Deutsche Meisterschaften nicht mehr zu den Sichtungsmaßnahmen des DHB-Leistungssportes. Länderpokale sind weiterhin mögliche Entwicklungsmaßnahmen für die Landesverbände, und ihre Talente und werden bei Bedarf vom DHB-Leistungssport beobachtet.

 

Welches sind denn die beiden Säulen der DHB-Talentsichtung?

Das Ziel der Nachwuchsförderung des DHB besteht darin, entwicklungsorientierte und perspektivische Anschlussleistungen für die Olympia-Kader beider Mannschaften zu entwickeln und damit Erfolge der Damen- und Herrenmannschaften zu ermöglichen. Eine gut funktionierende Nachwuchsförderung bildet die Grundlage für spätere Spitzenleistungen. Eine entsprechende Talentsichtung und -förderung macht es sich zur Aufgabe, Nachwuchsathleten/innen zu entdecken und diese optimal zu fördern. Wir haben genau dafür zwei unterschiedliche Sichtungsformate entwickelt.

In einem Projekt mit dem Institut der angewandten Trainingswissenschaften (IAT) haben wir mit den Landestrainern zusammen eine zweitägige multidimensionale Landessichtung mit transparenten Bewertungskriterien entwickelt. Diese Landessichtung bildet dabei quasi einen DHB-Lehrgang mit entsprechenden athletisch-technisch-taktischen Inhalten ab. Das neue Landessichtungskonzept wurde 2019 zusammen mit wissenschaftlicher Unterstützung durch das IAT entwickelt. Die zweitägige Sichtung beinhaltet physische, technische und mentale Kriterien für eine Talentprognose und wird von Bundes-, Stützpunkt- und Landestrainern zusammen durchgeführt. Dabei zählt zur Einschätzung das Vielaugenprinzip mit allen Trainern. Die Trainer haben dabei ausreichend Raum, sich miteinander auszutauschen und zusätzlich Entwicklungsziele für die Spieler zu definieren. Die Spieler werden im Anschluss aus den Landessichtungen für den Herbstpokal nominiert.

 

Auszüge aus einem Beurteilungsbogen, wie ihn jede/r Teilnehmer/in nach der Landessichtung erhält. Ein positives Feedback ist meist Grundvoraussetzung für die Nominierung zum Herbstpokal, wo dann den Besten eine Einladung zu einer Kadermaßnahme winkt.  Abbildungen: DHB

 

Die zweite Säule?

Richtig. Das zweite DHB-Sichtungsformat ist der Herbstpokal. Hierbei spielen die Talente in verbands-gemischten Mannschaften ein Turnier und werden gemeinsam von Bundes- und Landestrainern gecoacht. Hier bekommen wir Eindrücke ihrer Spielkompetenzen und ihres Verhaltens im Mannschaftskontext. Das neue Format des Herbstpokal wurde 2024 entwickelt und entwickelt sich durch regelmäßige Evaluation jedes Jahr weiter. Nach den Trainingseindrücken aus der Landessichtung können alle identifizierten Spieler in diesem zweitägigen Format ihre Fähigkeiten im Wettkampf auf einem Großfeld unter Beweis stellen. Durch eine landesverbandsübergreifende Durchmischung der Mannschaften werden Vorteile durch mannschafttaktische Vorbereitungen ausgeschaltet und ein einheitliches kompetitives Niveau gewährleistet.

Ein uns wichtiger Meilenstein ist die Möglichkeit, für beide Maßnahmen jederzeit und zeitnah hilfreiche Anpassungen vornehmen zu können. Und somit unsere Talentsichtung kontinuierlich an den Entwicklungen der Weltspitzen auszurichten. Im letzten Jahr haben wir beim Herbstpokal hilfreiche Provokationsregeln genutzt, um eine größere Sichtbarkeit bestimmter Kompetenzen zu ermöglichen.

 

Können Sie mal ein Beispiel für solch eine Provokationsregel geben?

Nach einem Tor kann mit „schneller Mitte“ agiert werden. Die SchiedsrichterInnen pfeifen das Spiel sofort an, wenn der Ball an der Mittellinie einmal ruht. Von dort kann überall hin ge(self)passt werden, egal wo die eigenen oder gegnerischen SpielerInnen sich befinden. Oder: Ab 10 Minuten vor Schluss eines Spiels ist die künstliche Überzahl erlaubt. Erzielt eine Mannschaft in der künstlichen Überzahl ein Tor, so zählt dieses Tor doppelt. Bei Strafecke gegen die Mannschaft in künstlicher Überzahl kommt der Torhüter/die Torhüterin für die Ecke wieder aufs Spielfeld zurück.

 

Welche hockeyspezifischen Kriterien sind bei den Sichtungen letztlich entscheidend, ob ein 15-jähriges Mädchen oder ein gleichaltriger Junge als potenzielle(r) Kaderkandidat/in eingestuft wird?

Wir legen Wert auf drei unterschiedliche Dimensionen, die wir durch die gewählten DHB-Sichtungsformate gut sichten, feedbacken und bei veränderten Bedingungen flexibel anpassen können. Wir diagnostizieren körperlich-athletische, technisch-taktische und psycho-soziale Kompetenzen. Diese werden im Zusammenspiel zwischen Landestrainern und Bundestrainern im Viel-Augen-Prozess bewertet und den Talenten rückgemeldet.

Sowohl bei der Landessichtung als auch beim Herbstpokal gelingt es uns durch die gute Zusammenarbeit mit den DHB-Trainern und LandestrainerInnen, ein Vielaugenprinzip für eine größtmögliche Objektivität zu gewährleisten.

 

Gibt es eigentlich Chancen, für Spätentwickler oder sonstige Quereinsteiger, sich in Richtung Nationalmannschaft zu empfehlen, wenn einmal der normale Zug verpasst wurde?

Talententwicklung findet nicht linear statt. Für das Alter der U16-Nationalmannschaften bilden unsere DHB-Sichtungsmaßnahmen den aktuellen Leistungsstand gut ab. Wir brauchen gleichzeitig ein offenes System, in dem sich später entwickelnde Talente gesehen werden und einsteigen können. Besonders im U19-Bereich entwickeln sich regelmäßig Talente im Übergang zum Erwachsenenhockey. Hier spielen in der Anschlussförderung in den Landesverbänden die Bundesstützpunkten eine wichtige Rolle. Mit ihrer Hilfe werden Talente identifiziert und systematisch auf den Einstieg vorbereitet. Durch die gute Arbeit unserer sechs Bundesstützpunkttrainer sind die Chancen für einen Einstieg in der U18 oder U21 extrem gestiegen, und wir haben seit Jahren sowohl bei den Jungs als auch bei den Mädels regelmäßige Beispiele für diesen Weg.

 

Der Weg nach oben: Was mit einer Landessichtung für ein meist 13- oder 14-jähriges Talent anfängt, könnte im Idealfall eines Tages bis zur Teilnahme an Olympischen Spielen führen.  Abbildung: DHB

 

Stimmt es, dass auf der weiblichen Seite für die Talentsichtung ein anderer Jahrgangszeitpunkt herangezogen wird als auf männlicher Seite. Und warum ist das so?  

Wir wissen schon länger, dass es Unterschiede in der Entwicklung beider Geschlechter gibt. Das Bundesinstitut für Sport versucht gerade diese Forschungslücke zu schließen, die wir in Bezug auf den weiblichen Körper haben. Wir wissen aber definitiv, dass der weibliche Körper sich früher als der männliche entwickelt. Wir wissen auch, dass Mädchen ihren letzten Wachstumsschub in Deutschland im Schnitt mit 12 Jahren haben und Jungen mit 14 Jahren. Wir erleben gleichzeitig, dass die jungen weiblichen Talente im Schnitt früher bei den DANAS aufschlagen und im Schnitt früher ihre leistungssportlichen Karrieren beenden. Auch in anderen Sportarten starten die Mädchen früher als die Jungs. Warum sollten unsere Sichtungsmaßnahmen dann bei beiden Geschlechtern im gleichen Alter beginnen? Um den weiblichen Talenten ein Jahr mehr Zeit in der Entwicklung und Anbahnung an die Weltspitze zu geben, sammeln wir seit letztem Jahr Erfahrungen, die Talentsichtung bei den Mädchen ein Jahr früher zu beginnen. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!