Mit dem fünften gewonnenen WM-Halbfinalspiel in Serie (nach 2002, 2006, 2010 und 2023) stehen die deutschen Herren einmal mehr im Endspiel um den Weltmeisterpokal. Am Freitagabend schlug die DHB-Auswahl Argentinien mit 2:1 (0:0). Gegner am Sonntag wird Spanien, das sich gegen Olympiasieger Niederlande 4:3 durchsetzte.
Die Partie begann nicht nach dem Geschmack der Mannschaft von André Henning. Keine 90 Sekunden waren gespielt, da musste Große nach einem robusten Zweikampf an der Mittellinie die Strafbank aufsuchen. Die beiden Schiedsrichter van Bunge (Niederlande) und Rapaport (Südafrika) wollten offenbar früh ein Zeichen setzen. Zum Glück wurde es kein „Kartenfestival“, weil in der Folge nicht nur die Deutschen, sondern auch die für ihr Temperament bekannten Argentinier meist sehr diszipliniert zur Sache gingen.
Das erste Viertel gehörte den Südamerikanern, die deutlich mehr Ballbesitz hatten, ohne aber eine einzige gefährliche Situation im deutschen Kreis erzwingen zu können. Auf der anderen Seite war das bis zur ersten Viertel aber genauso.
Bereits im zweiten Viertel übernahm Deutschland mehr und mehr die Kontrolle, hatte längere Ballbesitzphasen, aber ging noch keinesfalls „volles Risiko“. Argentinien zog sich stets weit in die eigene Hälfte zurück. Zwei gefährliche Torannäherungen bis zur Pause konnten die Südamerikaner nicht verhindern: Da war plötzlich Kaufmann in der Mitte durchgedrungen, brachte aber beim Abschluss keinen Druck hinter den Ball (25.), und Warweg verfehlte mit seinem Überkopfvolley nach Struthoff-Vorarbeit den Kasten nur knapp (30.).

Argentiniens Torjäger Tomas Domene (in blau; hier mit Benedikt Schwarzhaupt) konnte Deutschland nur bei seinem Strafeckentreffer weh tun, ansonsten bekam er keine Abschlussgelegenheit. Foto: Worldsportpics
Mit noch mehr offensiver Durchschlagskraft kam Deutschland aus der Pause. Rechts setzte sich Hinrichs energisch bis in den Kreis durch, in der Box stocherte Weigand an Torwart Santiago vorbei, und nur der herbeieilende Habif konnte Zentimeter vor der Torlinie den Einschlag verhindern (32.).
Keine 60 Sekunden später durfte Justus Weigand dann aber jubeln. Einem von links diagonal in den argentinischen Kreis geschleuderten Ball von Ludwig gab der deutsche Mittelstürmer aus kurzer Torentfernung die entscheidende Richtungsänderung zum 1:0 (33.). Spätestens seit Berlin im Juni mit seinen vier Treffern gegen die Südamerikaner heftet an Weigend das Etikett als Argentinien-Spezialist, und diesem Ruf machte er alle Ehre.
Fast hätte Deutschland schnell nachgelegt, als eine Rühr-Flanke von links vor dem Kasten von Kaufmann hauchdünn verfehlt wurde. Die wenigen Flanken in den deutschen Kreis verteidigte die deutsche Abwehr mit einer bemerkenswerten Ruhe und Fehlerlosigkeit. Zum Ende des dritten Viertel bot sich dann Müller noch eine gute Abschlussgelegenheit, aber seinen freien Schuss wehrte Santiago souverän ab (45.).
Wie schnell es mit der gelebten Sicherheit dann doch vorbei sein konnte, musste die DHB-Auswahl gleich nach Start des Schlussviertels erleben. Ein seltener Stoppfehler im Aufbau (Brilla) führte zu einem argentinischen Konterlauf, den Grambusch dann nur noch auf Kosten der ersten (und bis zum Ende einzigen) Strafecke im Spiel aufhalten konnte. WM-Torjäger Tomas Domene nutzte seine erste Abschlusschance im Spiel eiskalt und schlenzte an der deutschen Welle vorbei ins lange Eck. Domenes neuntes Turniertor führte zum 1:1 (46.), alles war wieder offen. Und für zwei, drei Minuten schien dieser Ausgleich auch Wirkung zu zeigen, als Argentinien das Momentum hatte und gegen kurz wackelnde Deutsche auch nutzen wollte.
Dann die Szene, die für einen Bruch sorgte. Argentiniens Mendez hatte im Mittelfeld Kaufmann zu Boden gebracht. Nicht überhart. Die Unparteiischen zeigten gelb und ordneten eine Zehn-Minuten-Strafe an – ein sehr hartes Strafmaß für Argentinien.
Deutschland konnte durch viel Ballbesitz sich nicht nur schnell wieder ordnen, sondern rasch auch im Ergebnis nachlegen. Über rechts organisierten von Montgelas und Ludwig einen Durchbruch bis in den gegnerischen Kreis. Aus der Drehung legte Ludwig dann Richtung Tormitte ab, wo Weigand einmal mehr richtig positioniert war. Sein Ablenker wäre womöglich auch ohne weitere Hilfe in den Kasten gegangen, doch am langen Pfosten drückte schließlich Paul Kaufmann den Ball noch sicherheitshalber ins Netz – 2:1 (54.).
Trotz Unterzahl an Feldspielern nahm Argentinien gut drei Minuten vor Ende seinen Keeper vom Feld. Der Druck auf die deutsche Abwehr stieg noch einmal, doch alles Anrennen der Argentinier half ihnen nichts. Kein einziger Torabschluss kam zustande. Torwart Danneberg hatte keinen einzigen Schuss abzuwehren. Und dank eines erfolgreichen Videobeweises nach der vermeintlichen zweiten Ecke (58.) blieb auch diese Gefahr aus. Dann war es geschafft.

Zuletzt lange Vereinskollegen beim Mannheimer HC, jetzt Kontrahenten im WM-Halbfinale: Argentiniens Thomas Habif (in blau) und Deutschlands Erik Kleinlein (in weiß). Foto: Worldsportpics
Stimmen:
André Henning: „Das war heute die Meisterprüfung in Sachen Mentalität. Es war auf dieser Ebene das schwierigste Spiel gegen den schwierigsten Gegner. Ich bin sehr froh, wie wir uns dagegengestemmt haben – gerade auch nach dem 1:1. Da haben wir etwas gewackelt. Was für eine Reise mit dieser Mannschaft, in diesem Jahr im WM-Finale zu stehen. Es ist jetzt das vierte Finale bei einem großen Turnier hintereinander. Das ist in dieser Konstanz überragend und auch etwas überraschend.“
Justus Weigand: „Ich bin überglücklich, es war nämlich der erwartbar harte Kampf. Ich muss dem Team ein großes Kompliment machen. Nach dem 1:1 haben wir ein, zwei Minuten gebraucht. Danach haben wir uns wieder gefunden. Das war mental heute eine Meisterleistung.“
Moritz Ludwig: „Ich freue mich riesig, nach 2023 ein weiteres Finale spielen zu dürfen. Wir hatten schon erwartet, dass es ein Spiel auf Augenhöhe wird, denn die Argentinier haben ein super starkes WM-Turnier gespielt. Jetzt bedeutet es, sich gut auf das Finale vorzubereiten, und am Sonntag werden wir alles geben.“







